LESEPROBE „Island Sommer Liebe"

ANKUNFT

FANNEY

„Magst du strohwischen?“

Ich blicke in Elins geweitete Augen, die mich ungläubig anschauen. „Was, ich?“

Bekräftigend nickend halte ich ihr ein Bündel Stroh hin. Das Mädchen nimmt mir das Stroh ab. Ihre Hände zittern, als es zaghaft den feuchten Körper des Fohlens abtupft.

„Du kannst richtig reiben. Das bringt den Kreislauf in Schwung.“ Elins Bewegungen werden selbstbewusster und ich kümmere mich derweil um Saga, die erschöpft auf der Seite liegt und vor sich hin schnauft.

„Das hast du toll gemacht.“ Beruhigend klopfe ich Sagas Hals. Der Stall ist erfüllt von dem süßlich-herben Duft nach Fruchtwasser und der Körper der Stute ist schweißüberdeckt. Erleichterung durchströmt mich. Kurzzeitig hatte ich die Befürchtung, Dr. Hagansson rufen zu müssen. Aber dann hat diese starke Stute es ganz allein hinbekommen. Meine Saga! Ich war bei ihrer eigenen Geburt dabei. Einer dieser innigen Momente, die ich mit meiner Mutter geteilt habe, als sie noch lebte. Und nun ist Saga selbst Mutter.

Ich liebe dieses Pferd und streiche mit unendlicher Zärtlichkeit über die erregten Nüstern. Endlich hebt die Stute ihren Kopf und nimmt ihr Fohlen wahr. Ich gebe Elin ein Zeichen, dass die Mutter jetzt bereit ist. Elin zieht sich zurück, lässt den Stohwisch auf den Boden der Box fallen, auf dem Reste der Geburt liegen.

Ich beobachte Elin. Die Fohlengeburt hat sie emotional mitgenommen. Ihre Augen kleben an der Stute, die ihr Neugeborenes abschleckt. Auch ich bin ergriffen, aber das junge Mädchen ist vor Ehrfurcht wie erstarrt. Ich seufze und kann sie verstehen. In diesem Moment grüble ich selbst über Mutterliebe nach. Wie wird es erst für Elin sein, deren Mutter vergangenen Sommer von heute auf Morgen verschwunden ist? Es muss die Siebzehnjährige sehr getroffen haben und ich kann mir vorstellen, dass das Zusammenleben mit ihrem verbitterten Vater Dagur alles andere als einfach ist. Ansonsten würde sie nicht den Großteil ihrer Zeit auf unserem Hof verbringen. Instinktiv habe ich ihr Obhut gegeben. Zu meinem Vorteil, wie ich gestehen muss. Das Mädchen hat sich als unentbehrliche Hilfe erwiesen. Sie ist universell einsetzbar, sei es als Stallgehilfin oder als Zimmermädchen in unserem Bed & Breakfast.

Behutsam lege ich den Arm um die bebenden Schultern des zierlichen Mädchens und ziehe sie sacht an mich, während wir zuschauen, wie das Fohlen Kraft schöpft und sich unter Sagas Hilfe auf die wackligen Beine stemmt. Elin klatscht vor Freude in die Hände, als es gelingt, und ich selbst wische mir verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.

Smilla, unsere Islandhündin, schlägt draußen auf dem Hof an und ich weiß, dass die Pflicht ruft. Das wird Jon sein.

„Komm, Elin. Wir werden hier nicht mehr gebraucht.“ Als ich mich erhebe, spüre ich erst, wie verkrampft ich die letzte Stunde gesessen habe. Die Beine protestieren, als ich sie zu strecken versuche. Die Geburt hat meine Jeans in Mitleidenschaft gezogen. So genau mag ich gar nicht darüber nachdenken, woher die feuchten Flecken auf der Vorderseite der Hose stammen. Nicht gerade ein repräsentatives Outfit für den neuen Gast. Ich fluche verhalten. Dann zucke ich die Achseln. Was soll´s?

Elin und ich waschen uns gründlich die Hände am Waschbecken im Stall. Das muss reichen. Mit einem letzten Blick auf Saga und ihr Kleines treten wir nach draußen. Gierig sauge ich die klare Morgenluft ein. Es war mitten in der Nacht als mich Elin geweckt hat, weil Saga erste Anzeichen der bevorstehenden Geburt gezeigt hat.

Das stetige Gluckern des Bachs im Rücken unserer Farm und der Ausblick auf das Meer, dessen Wellen über den schwarzen Lavastrand lecken, löst einen tiefen Frieden in mir aus. Vor allem, wenn es sich um einen wolkenlosen Tag handelt, wie heute. Gähnend fahre ich mir über das Kopftuch, mit dem ich mein Haar gebändigt habe, während wir den Hof überqueren. Gott, wenn ich nicht so schnell wie möglich einen Kaffee bekomme, sterbe ich.

 

Auf Smilla ist Verlass. Ich sehe den Jeep von Jon die lange Stichstraße zu unserem Hof näherkommen und bin auf unseren neuen Gast gespannt. Ich habe zwar über Email mit ihm korrespondiert, aber es ist jedes Mal schön, die Menschen persönlich kennenzulernen. Schnell dirigiere ich Elin in das Haupthaus und postiere mich hinter der kleinen Theke, die unserem Bed & Breakfast als Rezeption dient. Durch das Fenster behalten wir das Geschehen im Blick.

Smilla flippt vor Aufregung völlig aus, als der Wagen mit einem selbstbewussten Schwung auf den Vorplatz fährt. Ich grinse, weil ich vermute, dass Jon das jetzt brauchte. Beim Aussteigen zwinkert er mir zu. Das heißt, er wird annehmen, dass ich ihn beobachte, kann mich jedoch im Inneren durch die Scheibe von außen nicht ausmachen. Die vertraute Wärme, als mir bewusst wird, wie gut Jon und ich auch ohne Worte kommunizieren, durchflutet mich. Ich weiß genau, was er mir mitteilen will: der Gast hat ihn die fast drei Stunden vom Flughafen bei Reykjavik hierher mit irgendetwas genervt. Ich soll mich auf etwas gefasst machen.

Ich rechne Jon hoch an, dass er sich mir zuliebe zusammengerissen und ein Pokerface aufgesetzt hat, nehme mir aber vor, mein eigenes Urteil über den Gast zu bilden.

Elin stupst mich an, als auf der anderen Seite des Jeeps der hochgewachsene blonde Mann aus dem Wagen steigt.

„Weißt du, was der hier will, Fanney? Er hat ziemlich viel Gepäck dabei. Bleibt der länger?“ Elin hat recht. Jon ist mittlerweile damit beschäftigt, mehrere Koffer auf dem Hof abzustellen. Ich beobachte den Mann, der Jon bei jedem Handgriff im Blick hält. Er ist genauso groß wie Jon, was nicht klein ist. Im Gegensatz zu meinem besten Freund, der ausgewaschene Jeans und einen der typischen Strickpullis anhat, steckt der Gast in einer anthrazitfarbenen Flanellhose und einem Hemd. Darüber hat er eine dicke Steppjacke geworfen und trägt sogar einen Schal. Ich schmunzle. Fast alle Ausländer laufen im isländischen Sommer herum, als wäre es eine Eiszeit. Dieser scheint keine Ausnahme zu sein. Hey, es ist Juni! Dann besinne ich mich auf Elins Frage.

„Ja, soweit ich das verstanden habe, will er ein Buch schreiben und hat für vier Wochen gebucht, mit einer Option auf Verlängerung.“

„Wow, ein Schriftsteller. Ist er berühmt?“ Ich zucke mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Ich habe seinen Namen gegoogelt, aber keine Veröffentlichung von ihm gefunden. Allzu berühmt kann er nicht sein. Ich nehme an, er schreibt einen Reiseführer über Island. Den gefühlt Tausendsten. Aber wenn er unser Bed & Breakfast empfiehlt, kann das ja nicht schaden.“ Elin nickt automatisch.

„Er sieht gut aus. Wie Chris Hemsworth. Aber der ist ein berühmter amerikanischer Schauspieler. Kein Schriftsteller“, murmelt sie.

Ich hebe verwundert den Kopf und folge Elins Blick. Der Mann steht im Profil zu uns. Hm, zugegeben, er hat ein klassisches Profil mit einer hohen Stirn, geraden Nase und einem eckigen Kiefer. Er kämpft mit dem stetigen isländischen Wind, denn seine Hand streicht mehr als einmal durch das mittellange Haar, als er mit Jon spricht. Jon antwortet ihm und deutet auf die Wasserfälle, die sich weiter im Inland eindrucksvoll über die Klippen ergießen. Jon wedelt mit der Hand und erzählt wohl von dem Vulkan, an dessen Hängen unser Dorf liegt. Dann folgt der Blick des Gastes Jons Finger, der auf die steinernen Zinnen von Reynisdrangur vor der Küste zeigt. Eine Felsformation, die sich in der Morgensonne majestätisch aus der Gischt erhebt. Sein Gesicht erhellt sich und er streicht sich gedankenversunken über das Kinn, während er Jons Worten lauscht. Ohne Lippenlesen zu können, weiß ich, was Jon ihm erzählt. Die Legende der Trolle, die vor der Küste versteinert wurden, als sie einen Dreimaster an Land ziehen wollten und vom Sonnenaufgang überrascht wurden, kennt in Island jedes Kind.

„Vielleicht ist er doch Chris Hemsworth?“ Elin verrenkt sich fast den Hals, damit sie den Fremden besser sieht. Ich schmunzle, öffne das Computerprogramm für den Check-in und gebe mein Passwort ein. Rasch überfliege ich die Daten, die ich bereits aus seiner Email entnommen habe.

„Nun ja, zumindest heißt er so ähnlich. In der Anmeldung steht Christian Helm, 35 Jahre, aus Frankfurt am Main.“

„Ehrlich? Vielleicht ist das sein Deckname, damit er den Paparazzi entkommt. Das kann kein Zufall sein, Fanney. Chris und Helm-sworth. Das klingt superähnlich.“ Ich lache auf.

„Elin, wenn Chris Hemsworth sich nicht gerade als Deutscher verkleidet, um inkognito zu bleiben, glaub ich eher nicht, dass das dein amerikanischer Superstar ist.“ Elin schiebt trotzig die Lippe vor.

„Ist auch egal, der Typ ist heiß.“

Ich mustere den Fremden. Sieht er gut aus? Nur eine naive Siebzehnjährige kann sich durch die schicken Klamotten blenden lassen. Er ist definitiv nicht mein Typ. Zu glatt, zu schön. Zu sehr europäischer Städter. Allein die Wildlederschuhe! Ich weiß nicht, was er von unserer Unterkunft erwartet hat, aber es war klar, dass hier nicht unbedingt mit asphaltierten Wegen zu rechnen ist. Da sind mir die bodenständigen Rucksacktouristen, die sich zuweilen in unsere Unterkunft verirren, lieber. Oder Typen wie Jon, die lässig sind und in deren Gesicht nichts zueinander passen zu scheint, sodass man immerzu hinschauen möchte.

Ungeachtet meiner Gedanken, setze ich ein freundliches Lächeln auf, als Jon die Haustür aufreißt, den Gast auf den Fersen. Wie immer schlägt mein Herz schneller, wenn ich mit Jon in einem Raum bin. Ich schwärme für ihn, seit ich denken kann. Doch er gibt mir mit keiner Geste zu verstehen, dass er jemals mehr in mir sehen wird als eine gute Freundin oder schlimmer: kleine Schwester. Sein Beschützerinstinkt, was mich angeht, ist wirklich nervtötend. 

Jon stellt das erste Gepäckstück ab. Bevor er wieder nach draußen verschwindet, stoppt er und blickt mich über seine Schulter an:

„Alles gut gelaufen?“ Ich nicke und strahle über das ganze Gesicht.

„Eine kleine Stute. Elin darf den Namen aussuchen.“ Der Gedanke ist mir soeben spontan gekommen und ich höre erfreut Elins Luftholen. Vor Freude hebt sie die Hand an den Mund. Ich sehe an ihren Augen, dass sie bereits nach passenden Namen für das Pferd, ihr Pferd, sucht. Der Gast hat sich interessiert im Raum umgeschaut und aufmerksam die große Islandkarte studiert, die fast eine Wand einnimmt. Jetzt wendet er sich mir zu.

„Willkommen auf dem Atlishof, Herr Helm. Ich bin Fanney Atlisdottir. Ich hoffe, ich darf Christian sagen. In Island duzt man sich. Hattest du eine gute Reise?“, sage ich den Begrüßungsspruch auf Englisch. Ich spreche zwar noch andere Sprachen, aber das hat sich in Island eingebürgert. Wenn mehrere Leute in einem Raum sind, darunter Nicht-Isländer, sprechen alle Englisch miteinander.

Vor unterdrücktem Grinsen beiße ich mir auf die Lippen, als sein Blick irritiert an meiner fleckigen Jeans klebenbleibt. Er runzelt nachdenklich die Stirn, während er gedankenverloren nickt. Mir fallen seine ungewöhnlichen Augen auf. Hellgrün, mit langen Wimpern. Die dunkelblonden, längeren Haare kontrastieren mit seinem gebräunten Teint und diese Kombination verleiht ihm einen kosmopolitischen Touch.

„Warst du schon einmal in Vík í Mýrdal?“ Er räuspert sich.

„Nein, das ist mein erster Aufenthalt in Island.“

Ich habe nichts Anderes erwartet. Während er den Anmeldebogen ausfüllt, habe ich Gelegenheit, ihn weiter zu betrachten. Er hat schöne Hände und mir gefällt seine Schrift, die einen selbstbewussten Schwung aufweist. Ganz der Schriftsteller! Zum Lesen hat er eine anthrazitfarbene Nerdbrille aufgesetzt, die zu ihm passt. Seine gesamte Erscheinung atmet urbanen Wohlstand. Vielleicht ist er doch nicht so erfolglos als Schreiberling. Oder, er schreibt nur aus Hobby? So wie er Jons Erläuterungen gelauscht hat, war die Vermutung mit dem Reiseführer wahrscheinlich gar nicht so abwegig. Nennt man Verfasser von Reiseführern eigentlich Schriftsteller?

„Kommst du wirklich aus Deutschland? Du bist kein Amerikaner?“, fragt Elin.

Christian hebt leicht irritiert den Blick: „Ja, ich lebe in Frankfurt am Main. Und nein, ich bin kein Amerikaner.“

„Oh“, haucht Elin „dann musst du den Atlishof unbedingt in deinem Buch erwähnen!“ Überrascht schaue ich zu Elin. Nicht nur, dass sie meine Gedanken zu lesen scheint, sie bekommt Fremden gegenüber sonst nie den Mund auf. Dieser Deutsche gefällt ihr offensichtlich sehr. Sie hat ein Leuchten in den Augen, das ich so noch nie bei ihr gesehen habe. Ich verdrehe innerlich die Augen. Das kann ja heiter werden. Mahnend schaue ich sie an.

„Lass unseren Gast doch erst einmal ankommen, Elin.“ Christian legt den Kopf schief und lacht. Ein sattes, dunkles Lachen, das ansteckt und das ich ihm nicht zugetraut hätte. Automatisch entfährt mir ebenfalls ein Glucksen.

„Okay. Elin, richtig?“, er wendet sich Elin zu und er tut dies auf eine Weise, die dem Gegenüber das Gefühl ungeteilter Aufmerksamkeit gibt. Elin nickt, sichtlich entzückt, dass er sich ihren Namen gemerkt hat.

„Ich werde einen Weg finden, den Atlishof in mein Buch einzubauen. Das zumindest kann ich dir versprechen.“ Ich runzle die Stirn. Wie soll ich das denn verstehen? Einen Weg finden? Was ist kompliziert daran, unser Bed & Breakfast in einem Reiseführer zu erwähnen? Ich seufze. Der Kaffeemangel trübt offensichtlich meinen Verstand. Je eher ich die Anmeldung über die Bühne habe, desto schneller kann ich in die Küche und meinen Entzug stillen. Eine heiße Dusche und frische Klamotten wären auch nicht schlecht.

„Gut, Christian, ich nehme an, du möchtest erst einmal ankommen und dich einrichten.“ Ich klimpere mit dem Schlüssel für Zimmer vier. „Komm, wir gehen nach oben. Jon hat dein Gepäck schon ins Zimmer gebracht.“

Als ich an Christian vorbeigehe, nehme ich seinen Duft wahr. Sofort denke ich an die moosbewachsenen Steine, über die ich im Sommer als Kind balanciert bin, wenn unsere Familie am Ufer des Skóga gepicknickt hat. Ich sehe die gelben Flechten auf den Felsen vor Augen und meine, die Wärme des Steins unter meinen nackten Füßen zu spüren, während das perlende Lachen meiner Mutter zu mir herüberweht. Alles ist warm und hell.

Merkwürdig, diese Sommerpicknicks hatte ich vergessen. Warum lässt ausgerechnet der Duft dieses fremden Mannes die Erinnerung wieder aufleben?

 

 

SCHNAPSIDEE

CHRISTIAN

 

 

 

Ich folge Fanney die hölzerne Treppe hinauf, die in den zweiten Stock führt. Ihr glattes, hellblondes Haar, das sich unter dem Kopftuch den Rücken hinunter ergießt, wippt bei jedem Schritt. Mein Blick wird unweigerlich auf ihr recht üppiges Hinterteil gelenkt. Nicht schlecht!

Oh Mann. Was denke ich denn hier? Das muss die Luftveränderung sein. Ich senke den Blick.

Die ansonsten zierliche Frau riecht nach Pferdestall. Innerlich seufze ich. Vielleicht hätte ich mich besser in das Hotel in Vík einquartieren sollen. Ein hässlicher beigefarbener Klotz, der mir sicherlich Anonymität gewährt hätte. Aber die Fotos im Internet von diesem Bed & Breakfast, dem Atlishof, hatten mir den Eindruck von echtem Islandflair vermittelt: ein rotes Haupthaus mit mehreren spitzgiebeligen Nebengebäuden, auf deren Dächern das Gras wächst. Auf den Fotos weidete eine Herde Islandponys auf den Hängen rund um das Haus. Es sollte mich also nicht wundern, dass sie nach Stall riecht. Ich räuspere mich. Gott, was gäbe ich für einen Kaffee. Oder Schlaf.

 

Auf der Fahrt hierher habe ich Melanie am Handy schon genug vorgejammert, wie grässlich ihre Idee mit dem Nachtflug gewesen ist. Dieser Jon hätte mich nach einer halben Stunde wahrscheinlich am liebsten aus dem Jeep geworfen. Wie ein Kleinkind habe ich gebockt. Bereits als ich das Gate verließ, hatte mich der Mann von oben bis unten gescannt. Ich konnte ihm ansehen, wie er sein Misstrauen hinter Höflichkeit verbarg. Zugegeben, er könnte sich nicht deutlicher von mir unterscheiden. Sieht er doch aus wie ein isländischer Cowboy. Er wirkt wie ein Model aus einem Outdoor-Katalog. Kerniger Blick, pragmatische Kleidung. Und hat ein faszinierendes Gesicht. Eine große Narbe zieht sich über seine rechte Wange und die Gesichtszüge sind fast nicht greifbar. Hochinteressant. Ich speichere alles ab. Vielleicht kann ich dieses Gesicht irgendwann für eine Buchfigur verwenden.

Als ich das Handy endlich weggesteckt habe, darf ich einen phänomenalen Sonnenaufgang erleben, der die schroffe Graslandschaft in ein zauberhaftes Morgenlicht taucht. Einzig die Masten von Hochspannungsleitungen, die sich über die Landschaft ziehen, zeugen von Zivilisation. Ab und an zeigt mir Jon eine auffällige Felsformation oder weist mit der Hand auf das Meer. Und einmal auf einen Vulkan. Das also ist der berühmte Vulkan, der 2010 den europäischen Flugverkehr lahmgelegt hat. Eyjafjall... Okay. Das werde ich wohl nie aussprechen können. Nicht einmal, wenn ich es geschrieben vor mir sähe. Von dieser Sprache kann ich mir gerade mal ‚Takk’, ‚Nei’, ‚Bless’ und ‚Skál’ merken, also Danke, Nein, Tschüss und Prost.

Je mehr Zeit auf der Fahrt verstreicht, desto mehr hebt sich meine Stimmung. Die Landschaft ist atemberaubend und sehr inspirierend. Vielleicht ist die Idee mit Island gar nicht so schlecht gewesen.

Auch Jon taut langsam auf. Ich gebe meiner schriftstellerischen Neugier nach und spreche ihn auf die Narbe an. Viel erfahre ich nicht, nur, dass er bei einem Trip durch Südamerika ausgeraubt wurde und dabei Bekanntschaft mit einem Butterflymesser gemacht hat. Jon scheint mir die Neugier nicht übelzunehmen und gibt bald Geschichten von Trollen und Vulkanen zum Besten.

Da habe ich es gefühlt. Es könnte sein, dass ich hier endlich wieder die Inspiration zum Schreiben finde, die mir seit einiger Zeit abhandengekommen ist.

 

Fanney öffnet die Zimmertür und ich folge ihr in einen hellen Raum. Sie dreht sich zu mir um und ich kann den Stolz in ihren Augen sehen, als sie meine beifällige Reaktion auf das Zimmer sieht. Alles ist in einem modernen Landhausstil gehalten. Die Wände sind weiß getüncht, der hölzerne Fußboden hell lasiert. Im Kopfende des Betts prangt eine herzförmige Aussparung, soweit ich das durch den lichten Vorhang, der das Bett aus Kiefernholz einfasst, ausmachen kann. Karierte Zierkissen laden dazu ein, sich sofort auf die Matratze zu werfen und zu entspannen. Ein kleiner Sekretär, versehen mit einem modernen Designstuhl, steht an einer Wand. In der Ecke gegenüber unterstreicht ein Ohrensessel neben einem Kaffeetischchen vor einem Einbauschrank die behagliche Gemütlichkeit. Ich bin erstaunt, wie professionell alles wirkt. Fast wie in einem Fünf-Sterne-Hotel in den Schweizer Alpen. Sicherlich nicht das, was ich auf einem Pferdehof in Island, der Zimmer vermietet, erwartet habe. Ich nicke anerkennend und echte Freude huscht über Fanneys Gesicht. Wirkte sie soeben noch erschöpft und routiniert, fällt mir jetzt umso mehr auf, wie ihre hellblauen Augen aufleuchten. Ihr Gesicht ist großflächig, was durch die hohen Wangenknochen unterstrichen wird. Der Mund ist voll, die Lippen von einem natürlichen Roséton. Sie ist nicht geschminkt. Und dieses helle Haar... Ob ihr bewusst ist, wie natürlich schön sie ist? Sie ist jung. Diese Elin schätze ich auf etwa siebzehn. Fanney wirkt reifer. Sie wird Mitte zwanzig sein. Ob dieser Jon ihr Freund ist? So wie ihr Gesicht aufgeleuchtet hat, als er mit ihr gesprochen hat, nehme ich das an.

Mit raschen Schritten durchmisst Fanney den Raum und öffnet eine schmale Tür.

„Hier ist das Badezimmer. Wir haben erst kürzlich renoviert.“ Ich blicke kurz durch den kleinen Raum, der konsequent den Stil des Hauptraums fortführt. Helle Materialien und schlichte Formen ergeben die perfekte Mixtur aus rustikal und modern. Hier lässt es sich aushalten.

„Danke, Fanney. Ein wunderschönes Zimmer. Wenn ich jetzt einen Kaffee bekommen könnte, wäre ich restlos glücklich.“ Sie strahlt und wirkt erleichtert.

„Ich setzte in der Küche einen auf. Das ist die Tür neben der Islandflagge beim Eingang. Komm einfach runter, wenn du so weit bist. Ich brauche auch dringend einen.“ Damit wendet sie sich ab und lässt mich allein.

Ich lege die Steppjacke über den Schreibtischstuhl, benutze kurz das Bad und schöpfe mir herrlich eiskaltes Wasser ins Gesicht. Während ich mich abtrockne, entdecke ich einen kleinen Austritt vor dem Badezimmerfenster. Ich öffne die Tür. Würzige, kühle Luft schlägt mir entgegen, als sich mir der eindrucksvolle Blick über das Meer offenbart. Einen Moment starre ich sprachlos auf die endlose Weite. Der Hof liegt oberhalb des Ortes Vík, dessen bunte Häuserreihen sich in die Bucht schmiegen. Rechterhand thront auf einem Hügel eine hölzerne Kirche. Sie passt in ihrer skandinavischen Schlichtheit perfekt hierhin. Bei der kargen Szenerie kann ich mir lebhaft vorstellen, wie damals die Wikinger hier gelebt haben.

Ein Gefühl, das ich lange nicht mehr hatte, überkommt mich. Ein Funken der Inspiration, eine Ungeduld, Worte zu Papier zu bringen. Ich werfe das Handtuch achtlos auf den Boden und versuche mich zu entsinnen, in welchem meiner Koffer der Laptop verstaut ist. Erst beim dritten Gepäckstück werde ich fündig und ziehe die flache Schutzhülle heraus. Stirnrunzelnd betrachte ich den Sekretär, bis mir eine Eingebung kommt und ich den Schreibtisch vor das einzige Fenster im Raum verschiebe. Zufrieden setze ich mich auf den bequemen Stuhl und klappe den Laptop auf. Das Meer liegt in seiner Pracht vor mir. Kleine dunkle Punkte sausen durch die Luft und steuern eine Felsformation in der Steilküste an. Ich tippe auf Seevögel. Möglicherweise Papageientaucher, die im Internet auf vielen Islandbildern zu sehen sind. Ich freue mich schon auf die Erkundung der Gegend. Die Trollfelsen, die Jon mir bei der Ankunft gezeigt hat, blinken in der Sonne. Wow! Ich hatte selten einen schöneren Schreibplatz.

Kaum ist der Computer hochgefahren, verharren die Finger über der Tastatur. Mit zusammengekniffenen Augen versuche ich vergebens, die Inspiration, die mich soeben angetrieben hat, in Geschichten zu übertragen. Tief Luft holend starre ich aus dem Fenster auf den Horizont des Meeres.

In meinem Hirn herrscht Leere.

Absolute Leere, die sich schal anfühlt. Ich spüre das Versagen fast körperlich.

Mist! Es klappt nicht. So sehr ich auch nach dem Gedanken greifen möchte, der gerade so präsent war. Er ist weg. Wie ein Traum, an den man sich vergeblich zu erinnern versucht. Frustriert schnaubend klappe ich den Laptop zu und fische nach meinem Handy in der Jackentasche.

„Das war eine Schnapsidee“, poste ich an Melanie. Postwendend klingelt es.

„Nun sei doch mal geduldig, Chris. Hatten wir nicht ausgemacht, dass du dich weniger selbst unter Druck setzt? Komm doch erst einmal richtig an. Hattest du wenigstens einen Kaffee?“

„Im Flieger“, brumme ich in den Hörer.

„Siehst du. Wie soll das klappen? Du hast kaum geschlafen, viele neue Eindrücke und noch nicht mal deinen üblichen Koffeinlevel.“ Seufzend fahre ich mir mit der freien Hand durchs Haar.

„Du hast vermutlich recht. Ich sollte nichts übers Knie brechen. Es war nur .... für einen kurzen Moment habe ich es gespürt. Und dann war es weg, bevor ich auch nur ein Wort aufs Papier bringen konnte.“ Ungeduldig klopfe ich mit den Fingern auf den Schreibtisch.

„Aber das ist doch wunderbar! Sieh es als gutes Zeichen. So eine Schreibblockade geht nicht von heute auf morgen weg. Nimm dir ein paar Tage frei und versuche es dann noch einmal.“ Eine Weile schweige ich ins Telefon, was Melanie, die Stille nie ertragen konnte, nicht lange durchhält.

„Zur Not bringen wir diesen Herbst ein Best-of oder ein Lexikon. So à la J.K. Rowlings Verzeichnis zu den Fabelwesen in den Harry-Potter-Büchern. Deine Gestaltwandler-Reihe bietet sich dafür hervorragend an. So etwas lieben die Leser.“ Ich schnaube verächtlich. Klar, dass Melanie, wenn sie als meine Verlegerin argumentiert, betriebswirtschaftlich denkt. Aber wäre das nicht ein öffentliches Bekenntnis, dass ich ausgebrannt bin?

Ich seufze und widerstehe dem Drang, das Telefon in die Zimmerecke zu pfeffern.

„Also Melanie. Ich werde mich ein paar Tage ausklinken. Wir sprechen uns.“ Melanie murmelt noch etwas, als ich auflege.

„Sei geduldig!“, wiederhole ich in nachäffendem Tonfall Melanies letzte Worte. Mit beiden Händen reibe ich übers Gesicht.

Kaffee, ich brauche definitiv Kaffee. Und vorher eine Dusche.

 

Milder gestimmt, wenn auch nicht wie neugeboren, betrete ich zwanzig Minuten später geduscht und umgezogen die Küche. Fanney hantiert am großen Herd und nickt mir lächelnd zu. Ihr Blick bleibt an meiner wattierten Weste hängen. Sie mustert mich einen Moment stirnrunzelnd von oben bis unten und beißt sich auf die Lippe. Als unterdrücke sie eine Anmerkung. Was? Gefällt ihr mein Outfit nicht? Melanie hat mir vor der Reise mehrere Sets bei einem Ausstatter für Globetrotter im Internet bestellt. Garantiert Goretex.

„Magst du nur Kaffee? Ich kann dir auch ein spätes Frühstück servieren.“

„Ja, gerne etwas essen und dazu viel Kaffee. Am liebsten schwarz und süß.“ Sie reicht mir eine volle Tasse und nickt in Richtung Küchentisch.

„Setz dich doch zu meinem Vater.“

Erst jetzt entdecke ich auf der hölzernen Eckbank einen älteren Mann, der fast mit den Landhausküchenmöbeln verschmilzt. Er trägt einen dieser Island-Strickpullis. Sein Alter ist schwer zu schätzen und er sieht aus, wie sich Klein-Fritzchen einen Seemann vorstellt: wettergegerbte Haut, grauer Bart und verschlossener Gesichtsausdruck. „Zäh“ ist das erste Adjektiv, das mir in den Sinn kommt. Ganz im Gegensatz zu dem „erfrischend“, das ich seiner Tochter zuschreibe.

„Willkommen auf dem Atlishof, Junge.“ Er ergreift herzlich meine Hand und drückt sie mit einem Nicken.

„Sehr erfreut, Herr Atlisdottir. Ich bin Christian Helm aus Deutschland.“

Fanney und ihr Vater schauen mich einen Moment irritiert an und brechen dann in schallendes Gelächter aus. Na toll! Was habe ich Lustiges gesagt?

Prustend versucht Fanney, mir etwas zu erklären, kriegt sich aber kaum ein. Der Vater erholt sich schneller. „Also, mein Junge. Hier in Island nennen wir uns alle beim Vornamen. Und Atli ist mein Vorname. Das ‚dottir’ nach einem Namen bedeutet: Tochter von ... Da ich hoffentlich auch für dich eindeutig ein Mann bin, klingt das ‚Tochter’ schon lustig. Mein Nachname ist Stefansson. Weil mein Vater Stefan hieß.“

Dann sagt er etwas zu seiner Tochter, die sich daraufhin mit einem weiteren unterdrückten Lachen abwendet und in einer Küchenschublade kramt. Mit einer großen Haushaltsschere in der Hand, kommt sie auf mich zu.

„Dreh dich bitte mal um.“ Zu verdutzt, um nachzufragen, wende ich ihr den Rücken zu. Was hat sie vor? Sie wird mir doch nicht etwa die Haare schneiden? Ist das vielleicht die isländische Strafe, wenn man das mit den Töchtern und Söhnen durcheinanderbringt? Ich höre ein Schnittgeräusch im Nacken. Sie hat etwas von meiner Kleidung abgeschnitten.

„Hier, das hätte dich doch nur gejuckt.“ Entgeistert nehme ich das Preisschild des Fleecepullis entgegen.

„Noch irgendwo eins?“ Sie scheint die Frage ernst zu meinen und blickt mich mit erhobener Schere erwartungsvoll an.

„Nicht, dass ich wüsste“, murmle ich und versenke die Nase im Kaffee. Na sauber, jetzt habe ich mich als extremer Island-Ignorant und gleich noch als Fake-Globetrotter geoutet. Meine Antwort auf Fanneys nächste Frage wird diesen Eindruck nicht gerade widerrufen.

„Hast du schon Ausflüge geplant? Jon kann dich überall hinfahren.“ Ich zögere.

„Ich habe erst einmal beschlossen, hier in der Gegend zu bleiben. Das ist besser für mein Buchprojekt.“ Über den Rand der Tasse kann ich die Verwirrung in ihrem Gesicht sehen. Ich erinnere mich an den Spruch des Mädchens bei meiner Ankunft. Auch Fanney wird davon ausgehen, dass ich einen Reiseführer verfasse. Warum sonst war Elin so erpicht darauf, dass ich den Atlishof erwähne? Aber ich sehe keinen Anlass, ihren Irrtum zu korrigieren. Sobald hier jemand herausfindet, wer ich bin, wäre es vermutlich mit der Ruhe vorbei. So schaue ich Fanney nur herausfordernd an. Sie erwidert meinen Blick und mir fallen erneut ihre ungewöhnlich hellen Augen auf. Sie mustert mich forschend. Als durchschaue diese Frau mich ganz und gar und könne in die Tiefen meiner Seele blicken. Eine wohlige Gänsehaut überzieht meinen Nacken. Erst als Atli sich räuspert und nach mehr Kaffee fragt, unterbrechen wir den Blickkontakt.

Fanney füllt die Tasse und wendet sich dann wieder dem Herd zu.

„Wir sind zwar offiziell ein Bed & Breakfast. Du kannst aber gerne bei uns Abendessen. Ich koche täglich und es macht mir nichts aus, für dich mitzukochen. Ansonsten hat das Hotel im Ort bis zwanzig Uhr warme Küche.“ Sie wirft einen Blick über die Schulter.

„Bis acht?“, frage ich. Wow! Hier im Dorf ist ja richtig was los. Fanney muss mir die spöttischen Gedanken wohl angesehen haben, denn sie kraust die Nase. Sie wendet sich mir zu und macht mit dem Pfannenwender eine bekräftigende Geste in der Luft.

„Wir haben auch eine Bar.“

Ich hebe belustigt die Augenbrauen.

„Komm doch mal vorbei. Freitagabends ist Live-Musik.“

Ich habe zwar keine Lust, Zeit in einer Dorfkneipe voller isländischer Männer in Strickpullis zu verbringen, doch etwas hält mich davon ab, Fanney vor den Kopf zu stoßen und so nicke ich nur. Zufrieden wendet sie sich wieder dem Herd zu und stellt wenig später einen Teller und mehrere Schälchen auf den Tisch. Jetzt erst merke ich, wie hungrig ich bin. Ich greife nach einer Scheibe Brot und inspiziere den Inhalt der Schälchen.

„Darf ich fragen, was das ist?“ Ich zeige auf Würfelchen in Soße. Im Vorfeld hatte ich mich über die isländische Küche informiert und mit Schaudern von Hammelhoden, fermentiertem Hai und gekochten Schafsköpfen gelesen. Am ersten Tag und vor allem zum Frühstück, bin ich nicht bereit für solche ‚Delikatessen’.

„Das ist Síld. Hering. Das Weiße ist mit Dill und dieses Gelbliche dort mit Honigsenf.“ Aha. Besser als Hoden, aber Hering zum Frühstück ist nicht mein Ding. Sogar das absolute Gegenteil. Ich bin nicht der Fisch-Typ. Skeptisch beäuge ich ein weiteres Schälchen, in dem sich eine dunkelrote Masse befindet.

„Dann ist das hier wohl Hering mit Roter Bete?“ Sie lacht hell auf, wirft dabei den Kopf in den Nacken und entblößt ihren zarten Hals. Ihr hellblondes Haar reicht ihr fast bis zur Hüfte. Der ganze Körper schüttelt sich. Eine Träne aus dem Augenwinkel wischend schüttelt sie den Kopf.

Super. Irgendwie komme ich mir so langsam wie eine Witzfigur vor, die die Alleinunterhaltung der Dame des Hauses bestreitet.

„Nein, kein Hering. Das ist Walderdbeer-Marmelade. Selbstgesammelt und selbstgekocht.“

Jetzt kann auch ich mir ein Lachen nicht mehr verkneifen.

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