LESEPROBE „DIE GRÜNE LAGUNE"

 

1.  Prolog

Megan

 

„Jetzt!“, ruft er. 

Mein Signal zu springen. Ich rühre mich nicht. Bloß nicht die Griffe loslassen, flüstere ich mir innerlich zu. Es tut gut, sich an etwas Vertrautem festzuhalten. 

„Verflucht, willst du, dass wir beide draufgehen? Spring!“ Er drückt mich nach draußen. Meine feuchten Finger verlieren den Halt. Meine Arme wedeln. Im letzten Moment klammere ich mich an Aidan. 

„Sorry, wir haben nicht viel Zeit.“ Seine Stimme klingt dringlich. Ernst. Ich atme ein. Ein Ächzen läuft durch das kleine Flugzeug. 

Mir wird klar, dass Springen die einzige Lösung ist. 

 

 

2.  Job

Megan

 

„Jetzt etwas Persönliches, Aidan. Etwas, das vor allem unsere weiblichen Zuschauer interessieren wird: Was halten Sie von der Ehe?“ Die blonde Frau, die dem Actionstar die Frage gestellt hat, lächelt und nickt, als ließe sich diese Frage mit Ja beantworten. 

Ich atme tief ein und aus und checke, ob Aidans Glas noch voll ist. Wie erwartet, greift er mit einem amüsierten Schmunzeln in Richtung Reporterin danach und nimmt einen großen Schluck. Nach unzähligen Interviews habe ich ihn durchschaut. Immer, wenn diese Frage kommt – und sie kommt oft – zieht er diese Show ab. Ein ausgefeilter Kniff, die Spannung zu erhöhen. Zugleich eine Gelegenheit, das Zusammenspiel von Bizeps und Trizeps unter seinem enganliegenden T-Shirt wirkungsvoll in Szene zu setzen. Und, Bingo! Die rechte Fußspitze der Frau beginnt zu wippen. Auch ich ertappe mich dabei, wie mir heiß wird. Die Klatsch-Reporterin neigt sich erwartungsvoll vor, als wäre Aidan bereit, allein ihr ein großes Geheimnis anzuvertrauen. Oder sie gleich in seine starken Arme zu reißen. Mit Bedacht stellt Aidan das Glas auf den Untersetzer und dreht diesen leicht, als wäre er ein Orakel, das er befragen müsste. Vielleicht weiß er aber auch nur, dass er schöne Hände hat und Frauen darauf achten. Stark, gepflegt, männlich. Gott, mein Boss ist trotz allem der schönste Mann auf Erden. Er lacht leise, als amüsiere ihn die Antwort des Untersetzer-Orakels, und schenkt seinem Gegenüber – gibt es davon eigentlich eine weibliche Form? – die volle Aufmerksamkeit. Die Wirkung ist immer die gleiche. Zumindest bei Frauen. Ein leichtes Zusammenzucken, ein Glätten des Rocks oder, wie hier, ein scharfes Einatmen. „Melissa, … ich darf doch Melissa sagen, oder?“ Sich den Namen der Journalistinnen zu merken, hat er raus, das muss ich Aidan lassen. „Oh, selbstverständlich.“ Sie wird tatsächlich leicht rot. Ich unterdrücke ein Schnauben. „Die Ehe ist eine wunderbare Erfindung“, sagt Aidan bedächtig. Er holt Luft, sodass klar ist, er ist noch nicht fertig, tastet noch nach der richtigen Formulierung. 

So ein Fake. 

Melissa lächelt verklärt. Ihre beigefarbene Bluse aus minderwertigem Crêpe de Chine knistert, als sie sich entspannt zurücklehnt. Mir juckt es in den Fingern, den Rüschenbesatz, der an den Schultern appliziert ist, wegzureißen. Der passt überhaupt nicht zu ihrer Körperform und lässt sie wuchtig erscheinen. Das ist wie bei Vorhängen mit Rüschenvolant. Geschmacklos und überflüssig.

„Aber das ist ein Fahrradflickzeugkasten auch. Wie der von mir sehr geschätzte Billy Connolly einmal gesagt hat“, ergänzt Aidan den Satz wie mit einem Paukenschlag.

Melissas Lächeln fällt in sich zusammen. Sie fängt sich schnell. „Was ich meinte, ist: Was ist mit Ihnen und Monica O’Malloran? Was schätzen Sie an ihr? Werden bald Hochzeitsglocken läuten?“ Sie lacht wieder. 

Am liebsten würde ich wie in der Schule die Hand heben. Ich weiß genau, was Aidan an dem vollbusigen Model, das seit ein paar Wochen bei jedem Event an seiner Seite ist, wenn sie nicht gerade Dessous auf dem Laufsteg präsentiert, schätzt. Aidans Lächeln wird breiter. „Monica ist eine sehr schöne Frau, wer weiß?“ Melissa starrt auf Aidans Grübchen.

Jerry, der neben mir steht und das Spektakel ebenfalls beobachtet hat, klatscht in die Hände und reißt Melissa aus ihrer Aidan-Trance. „Danke für Ihr Interesse an Action in Paradise, Melissa. Die Zeit ist nun leider um.“

Nachdem Melissa aus dem Hotelzimmer, das extra für die Interviews angemietet wurde, begleitet ist, vergräbt Aidan das Gesicht in den Händen. „Wie viele noch, Jerry?“ 

„Noch ein Interview nach einer kurzen Pause. Aber diesmal ist es ein Mann. Komm, du hast es fast geschafft.“ 

Aidan schnaubt. „Für heute.“

„Danach geht es nach Miami, ein kurzer Auftritt in der Morningshow eines lokalen Radiosenders in Tampa und dann endlich heim nach L.A. Das ist doch ein Klacks für dich, Mann“, sagt Jerry und klopft Aidan übertrieben jovial auf die Schulter. Als Aidan unbeeindruckt vor sich hinbrütet, wirft mir Jerry einen schnellen Blick zu. Ich gebe Geschäftigkeit vor und glätte die Sofakissen.

„Hey, du hast bis zum nächsten Dreh in Sumatra ein paar Wochen frei. Schon überlegt, was du machst?“ Aidan schüttelt den Kopf. 

„Denk wenigstens in der Zeit über das nach, was wir besprochen haben. Vielleicht ist Ted West gar keine schlechte Lösung.

„Ted West! Lass mich bloß mit diesem Milchbubi in Ruhe. Dem nimmt doch keiner ab, auch nur eine Stunde in der Wildnis zu überleben.“ Aidan streift Jerrys Hand von der Schulter. „Maggie!“ Ich zucke bei Aidans unwirschem Tonfall zusammen. Jeglicher Charme ist aus seinen Zügen verschwunden. Dass er meinenNamen nicht kennt, führt mir jedes Mal vor Augen, welches Ranking ich in seinem Leben einnehme. Mittlerweile bin ich es gewohnt, dass er seinen Frust über die ermüdenden Interviewtage an mir auslässt. Klar, das steht auf Seite eins der Gebrauchsanweisung für persönliche Assistentinnen. „Ist mit dem Hotel alles geklärt? Nicht noch einmal so ein Desaster wie gestern in Nassau.“ Ich atme tief ein und aus. Ein und aus. Er hat die Arme verschränkt, was seine Muskeln betont und baut sich vor mir auf. Muss er so groß sein? Seine Haltung strahlt pure Überlegenheit und Big-Dick-Energy aus. Gott, wie ich dieses Alpha-Verhalten mittlerweile hasse. Ich King-Kong, du Jane.„Selbstverständlich, Mister Treasure.“ Ich fülle Aidans Glas auf. Vor Schreck habe ich ihn wieder gesiezt. Dabei mag er das nicht. Aber die Erinnerung an seine Tirade im Hotel in Nassau, nur weil in der Minibar ein winziges Fläschchen Wodka war, hat mich abgelenkt.

„Ich habe mir als Story für Sumatra überlegt, dass du ein paar Wochen mit Orang-Utans zusammenlebst. Menschenaffen kommen immer gut an“, sagt Jerry und reibt sich übers Kinn. Ich bin dankbar, dass er Aidan ablenkt, der bei seinen Worten die Stirn runzelt und mich offensichtlich sofort vergisst. „Was ist daran spannend, Jerry? Dasselbe hatten wir doch schon mit Gorillas.“ Er nimmt mir die Worte aus dem Mund.

„Eben, die vierte Staffel ist damals voll eingeschlagen. Warum also das Rad neu erfinden?“, erwidert Chris.

Ich sehe auf die Uhr. Bis zum letzten Interview ist noch eine halbe Stunde Zeit. „Kann ich einen Moment Pause machen?“, frage ich. Jerry nickt und macht eine zerstreute Handbewegung, als verscheuche er eine lästige Fliege. Aidan hat meine Frage erst gar nicht wahrgenommen. 

Als ich die Hotelzimmertür hinter mir schließe, kann ich gefühlt das erste Mal an diesem Morgen tief durchatmen. Ich stecke die Nerdbrille in meine Tasche und reibe über meine Nasenwurzel. In meinen Schläfen pochen die ersten Vorläufer von Kopfschmerzen. Leo, einer der Security-Männer, grinst mich an, nachdem sein Blick einmal über meinen kurvigen Körper geschweift ist. „Schlechter Tag?“, fragt er. Mir ist nicht nach Small Talk und nach Flirten mit ihm schon gar nicht, aber er ist nett. „Schlechte sechs Wochen“, murmle ich und trommle ungeduldig auf den Fahrstuhlknopf. In der Lobby steuere ich in gerader Linie die Rezeption an. Die dort arbeitende Barbie mit dem Betondutt mustert meinen Hoodie skeptisch. Ja, ich weiß, Skinny-Jeans und Tanktop sind nicht gerade das passende Outfit für diese Hotelklasse, aber gemütlich. Der Hoodie rettet mich vor dem eiskalten Strom der Klimaanlagen in den Hotelzimmern. Ich friere leicht, na und? Mittlerweile habe ich mich an die Blicke gewöhnt. Wenn ich Aidan und Jerry dazu bekommen habe, den Hoodie nicht mehr zu erwähnen, werde ich nicht schwach werden. Ich straffe die Schultern. „Hallo, ich bin die Assistentin von Aidan Treasure.“ Ihre Augen weiten sich leicht. Dann lässt sie ihren Blick erneut über mein legeres Outfit schweifen. Ich halte den Teampass hoch, der an ein Lanyard geklippt ist. „Ich hatte Ihnen vor einer Woche eine Mail geschickt und wollte sicherstellen, dass die Order korrekt umgesetzt ist. Mister Treasure besteht darauf, mintfarbene Handtücher in seinem Zimmer zu haben. Nicht Petrol, nicht Grasgrün. Mintgrün. Bitte nicht direkt aus der Verpackung, sondern vorgewaschen. Und bitte keine Carbs in der Minibar. Keine Chips, keine Nüsse, keine Cookies, keinen Alkohol. Ah, und er trinkt nur Wasser der Marke Fiji. Es sollten mindestens vier Flaschen verfügbar sein. Ist das veranlasst? Er wohnt in der Präsidentensuite.“

„Ich weiß, das mit der Suite war meine Idee“, sie strahlt mich an. Als ich nicht reagiere, wird sie wieder professionell. „Selbstverständlich haben die Wünsche von Mister Treasure für unser Haus oberste Priorität. Es ist alles arrangiert, wie bestellt.“ Sie ist offensichtlich Fan. Ich seufze. Nur innerlich. Äußerlich nicke ich, als wäre das nichts Besonderes.

„Gibt es einen Coffeeshop in der Nähe?“, frage ich. 

„Unsere Hotelbar hat einen ausgezeichneten Kaffee, Miss“, erwidert sie. 

„Das habe ich nicht gefragt.“ Gott, ich werde schon so rüde wie mein Boss. Etwas sanfter füge ich hinzu: „Ich habe gerade Pause und muss mal raus.“ Sie lächelt und beschreibt mir den Weg zum nächsten Starbucks. Als ich in den Sonnenschein vor dem Hotel trete, blinzle ich. Wann war ich das letzte Mal an der frischen Luft? Es duftet nach Meer. Sehnsüchtig sehe ich zum Strand, der nur wenige Meter entfernt ist. Als Paige mir diesen Job als Assistentin des Hauptdarstellers von Action in Paradiseverschafft hat, konnte ich mein Glück kaum fassen. Mehrere Wochen mit einem sexy Filmstar – und einen Teil davon auf Interviewreisen auf karibischen Trauminseln, den Drehorten der letzten Staffel! Ich habe mir laue Nächte am Meer, begleitet von exotischen Cocktails und dem Sound von Steeldrums vorgestellt. Stattdessen hingen wir von früh bis spät in unterkühlten Hotelzimmern und haben unzählige Interviews über uns ergehen lassen. Mein Job war es, das Wasser aufzufüllen und die Klappe zu halten. Das aufgeblasene Ego dieses arroganten Survival-Stars, der in jeder Folge der Show Naturkräften trotzt, als wäre es ein Spaziergang im Supermarkt – und dabei umwerfend fotogen ist – ist eher enttäuschend. Es wird nicht besser, wenn die Frauen in seinem Umkreis ihn stetig mit ihren Pheromonen einhüllen. Und dann dieser bescheuerte Künstlername. Aidan Treasure. Warum nicht gleich Pleasure? Da kann er noch so gut aussehen und jeden Monat zig Höschen von weiblichen Fans zugeschickt bekommen … Das glaubt ihr nicht? Ich schwöre, sowas gibt es. Widerlich. Die sind sogar gebraucht. Noch mal würg! Aber als seine Assistentin musste ich während der Zeit im Büro seine Fanpost beantworten. 

Mich jedenfalls lässt der Typ mittlerweile kalt. Kalt, kalt, kalt. Dass es anders war, war eine vorübergehende Geschmacksverirrung. Ich war in einer sehr verzweifelten Lage. Damit das klar ist.

Das eine muss ich Aidan Treasure lassen: Er ist professionell. Auch am Ende der Interviewstrecke hat er den vorwiegend weiblichen Journalistinnen das Gefühl gegeben, ernsthaft über die Frage nach der Ehe, seiner Freundin, und was er an ihr schätzt und wann er sie heiraten wird, nachzudenken. Mit keiner Entgleisung seiner Mimik hat er verraten, dass ihm diese Frage schon x-mal gestellt worden ist. Wohingegen ich die Fragenden am liebsten am Kragen gepackt und wegen ihrer Unfähigkeit aus dem Zimmer geworfen hätte. Der Job hat mir ganz neue Charakterzüge über mich offenbart.

Was aber auch daran liegen könnte, dass Aidan Kohlenhydrate meidet wie der Teufel das Weihwasser und ich ständig hungrig bin. Habe ich schon erwähnt, dass ich dann nicht gerade gut gelaunt und wohlwollend gegenüber meinen Mitmenschen bin? Ich öffne die Tür des Ladens und sauge den Duft nach Kaffee und Muffins ein. Endlich! 

Ich zähle die wenigen Tage, bis diese Promotion-Tour für die neueste Staffel der Action-Serie endlich vorbei ist. Die Zuschauer lieben die oberflächliche Show, sonst würde sie nicht im siebten Jahr laufen. Sieben Jahre Top-Quoten! Wen bitte schön interessiert es, wie ein Muskeltyp sich aus den brenzligsten Situationen befreit? Das klappt doch nur, weil Aidan die halbe Zeit oben ohne ist. Warum? Weil sein Shirt im ersten Drittel jeder Folge für irgendeinen Survivaltrick geopfert wird oder sonst wie abhandenkommt. Ist so eine Art Running Gagder Show. Durchorchestrierte Dramaturgie für die Zielgruppe der überwiegend weiblichen Zuschauer. Der Rest der Zielgruppe, Kids zwischen neun und zwölf, kommt höchstens in den Werbepausen auf seine Kosten. Die Story mit dem Survival ist auch geklaut. Ein lahmer Aufguss von McGyver. Kennst du nicht? Da siehst du mal, wie alt die Idee ist. 

Den Muffin inhaliere ich im Stehen, noch bevor ich den Shop verlassen habe. Meine Stimmung hebt sich mit jedem Bissen. Blutzuckerspiegel gut, alles gut. Ich lasse mir die Sonne warm ins Gesicht scheinen und genieße die würzige Meeresluft. Kein schlechter Sommerjob, den ich habe. Es gibt Schlimmeres, als sich jeden Tag einen sexy Typen anzusehen. Einen Typen, der gar nicht ahnt, wie viel ich ihm zu verdanken habe. Leider bleibt nicht mehr viel Zeit. Der Job neigt sich dem Ende zu und bald muss ich ins wahre Lebenzurückkehren, wo ein Scherbenhaufen auf mich wartet. Kurz überschlage ich, wie viel Geld mir für einen Neustart noch fehlt. Ich seufze, als mir klar wird, dass ich wohl noch ein paar Monate bei Mom wohnen werde. Ich kann mir einfach keine Miete leisten. Das hatte ich mir mit einem Collegeabschluss anders vorgestellt. 

Ein Straßenverkäufer mit blitzendweißen Zähnen, dessen Dreadlocks kaum von einer gehäkelten Mütze gebändigt werden, reißt mich aus den Gedanken. Er versucht, mir eine pink-umrandete Sonnenbrille anzudrehen. Als ich nicht sofort reagiere, überschüttet er mich mit Komplimenten und lässt die Augenbrauen tanzen. Ich winke lachend ab und genieße den Schub gute Laune, solange er anhält. „Wow, dieser Ort ist traumhaft“, murmle ich, als ich mir ein paar Minuten am Meer gönne und dem bunten Treiben zusehe. Ich genieße es, einfach nur dort zu sitzen und niemandem Rechenschaft zu schulden. Wie habe ich das gebraucht und mir nach den vergangenen Jahren auch verdient. Ich bin frei. Dieser Job ist meine Rettung. Ich danke Paige in Gedanken zum gefühlt tausendsten Mal.

Als ich mit dem Kaffeebecher in der Hand zum Hotel zurückkehre, hat sich eine kleine Gruppe vor der Drehtür versammelt, die von der Hotelsecurity hinter eine Absperrung gelenkt wird. Offenbar hat sich herumgesprochen, dass der Megastar Aidan Treasure im Hotel residiert. Ich schnaube amüsiert, als ich näher komme. Die Fans bestehen hauptsächlich aus kleinen Mädchen und ihren Müttern. War ja klar. Es scheint sich um Einheimische und Touristinnen zu handeln. 

Ich wechsle ein paar Worte mit Leo, der zu seinen Kollegen gestoßen ist. Jemand zupft an meinem Ärmel.

„Du drängelst dich vor!“, piepst eine Stimme in meinem Rücken. Ein etwa zehnjähriges Mädchen mit großen, braunen Augen sieht mich streng an. 

„Oh, nein. Ich gehöre zu Aidan. Ich wohne auch im Hotel.“ 

Sie öffnet den Mund und reißt die Augen auf. „Bist du Aidans Frau?“ Ich lache laut auf. Sie ist zu süß. „Nein. Aidan ist nicht verheiratet.“

„Dann seine Freundin?“ Sie kaut an ihrer Unterlippe und es ist zu entzückend, wie sie versucht, erwachsen zu wirken. 

„Tut mir leid. Ich bin weder seine Frau noch seine Freundin. Ich arbeite für ihn. Ich bin seine Assistentin.“ Sie wiederholt murmelnd das schwierige Wort. Dann legt sie den Kopf schief.

„Hast du keinen Freund?“ Sie mustert mich so intensiv, dass ich grinsen muss. Im Grunde tragen wir beide das gleiche Outfit. Nur, dass bei ihr Skinny-Jeans und Tanktop pink und mit Glitzerapplikationen versehen sind. Und sie hat keine Kurven. Noch nicht. 

„Nein. Ich bin gerade sehr glücklich allein“, antworte ich. Allein in meinem Jugendzimmer und in einem kalten, schmalen Bett schlafen, ist super. 

„Also, ich heirate Aidan Treasure“, sagt sie und strahlt über beide Ohren. 

„Aha. Ist er nicht etwas zu alt für dich?“ 

„Nein, er ist so alt wie mein Papa. Das ist okay. Der ist ja auch verheiratet. Mit Mama.“ 

Ich reiße die Augenbrauen hoch. „Aber deinen Papa küsst du doch nicht, oder? Auf den Mund und mit Zunge und so, meine ich.“ Sie verzieht ihr Gesicht. „Ihhh, nein. Wie kommst du denn auf so ekliges Zeug.“ Ich verkneife mir ein Lachen. 

„Ich würde Aidan auch nicht küssen. Voll eklig.“ Wir beide kichern. 

Leo räuspert sich. „Miss Megan. Die Interviews gehen gleich weiter.“ 

„Oh, danke, Leo. Ich habe völlig die Zeit vergessen.“ Zu dem Mädchen gewandt sage ich: „Okay. Dann viel Spaß in der Ehe mit Aidan. Achte darauf, dich mit genügend Flaschen Fiji-Wasser einzudecken und sei ihm nicht böse, wenn er sich deinen Namen nicht merken kann.“ Sie nickt ernst, als hätte ich ihr einen heißen Insidertipp gegeben. 

„Eliza, ich suche dich überall! Mit wem sprichst du denn da?“ Eine blonde Frau, die den Augen nach zweifellos die Mutter des Mädchens ist, mustert mich argwöhnisch. 

„Bye, Eliza. Es hat Spaß gemacht, dich kennenzulernen.“ 

Bevor ich ins Hotel zurückkehre, setze ich die Hornbrille wieder auf und drücke dem perplexen Leo den leeren Kaffeebecher in die Hand. 

 

3.  Präsidentensuite

Aidan

 

„Hey, Sis, Happy Birthday! 

Mia kichert. „Aidan! Du lebst noch!“ Ich reibe mir den Nacken. „Ja, du weißt, ich bin nicht gut darin, Kontakt zu halten, wenn ich aus L.A. fort bin. Und, machst heute noch was Tolles?“ 

„Ach, das Übliche an meinem Geburtstag. Ich habe ein paar Lines Koks geschnupft und gleich kommen ein paar Girls zum Gangbang vorbei. Der Schampus steht schon kalt.“ 

Ich atme tief durch. Noch immer kann ich mich nicht daran gewöhnen, dass meine kleine Schwester erwachsen ist und ein Sexleben hat. Vor allem aber, dass sie so offen darüber spricht. Als sie ihr Coming-out hatte, ist sie so natürlich mit dem Thema umgegangen, dass sie sogar meine biederen Eltern davon überzeugen konnte, dass gleichgeschlechtliche Liebe im Grunde das ist, was Gott im Sinn hatte, als siedie Frau erschuf. Gehirnwäsche à la Mia. Obwohl: Koks und Gangbangs sind sogar für Mia eine Nummer zu krass. Ich lache. „Okay, für eine Minute hattest du mich.“ 

Sie kichert. „Ahh, Bruder. Schön wär’s. Ich habe morgen Frühschicht. In der Klinik hat es leider keinen interessiert, dass ich heute zweiunddreißig werde. Ich werde eine Pizza bestellen und mal sehen, was auf Netflix läuft.“

„Das Leben einer Ärztin“, stelle ich fest.

Sie seufzt. „Es hat gute und schlechte Seiten. Wie bei dir. Genug von mir. Hasst du diese Promo-Tours immer noch so? Viel wichtiger: Was macht die bezaubernde Paige?“ Ich schmunzle. Meine Assistentin Paige hat Mia total den Kopf verdreht, als sie mal zum Set kam. 

„Nein, hassenwäre übertrieben. Das Übliche eben: Ich residiere allein in der Präsidentensuite auf den Bahamas und sitze gerade auf meiner Terrasse mit Blick aufs Meer. Paige ist nicht dabei.“

Mias empörter Aufschrei lässt mich grinsen. „Was? Habt ihr sie etwa rausgeschmissen? Das könnt ihr mir nicht antun! Paige war die Assistentin aus dem Bilderbuch. Und eine Schönheit: Langes Haar, strahlend blaue Augen und der süße, stramme Hintern erst …“ Mia stöhnt wollüstig. Ich halte den Hörer ein wenig vom Ohr weg und lache. „Stimmt. Paige ist toll.“ Charmant, stets lächelnd und mir jeden Wunsch von den Augen ablesend. Allein die muntere Art, wie sie mir morgens den Kaffee gereicht hat, war ansteckend, füge ich in Gedanken hinzu. „Paige hatte einen Notfall in der Familie und eine Aushilfe hat ihren Job übernommen. Die ist wohl eine enge Freundin von Paige“, stelle ich die Dinge klar.

„Oh. Und, ist diese Aushilfe auch so heiß? Hast du ein Foto? Soll ich vorbeikommen?“

„Spar dir den Weg. Maggie ist … das Gegenteil von Paige. Wenn Paige nicht für sie gebürgt hätte und Jerry und ich nicht zu faul für eine Bewerbungsrunde gewesen wären, hätte sie den Job vermutlich nicht bekommen. Allein schon, wie sie sich kleidet. Immer diese schwarzen Skinny-Jeans.“ Warum richtet sie nicht gleich einen Spot auf ihren Hintern?„Dann auch noch kombiniert mit Tanktops.“ Enganliegend, jede Kurve ihres Körpers betonend.„Und darüber ein Hoodie. Wie ein Teenie auf der Highschool. Selbst hier in der Karibik bei über 95 Grad Fahrenheit lässt sie den Hoodie an, stell dir vor. Da stimmt doch was nicht.“ Warum verbirgt sie die Kurven, wenn sie sie so hervorhebt? Das macht doch keinen Sinn.

„So schlimm wird sie schon nicht sein, sonst würdest du nicht so viel über sie reden“, sagt Mia, hörbar erheitert über meinen seltenen Redeschwall. Ich runzle die Stirn. Was meint sie? Habe ich etwa laut gedacht?

„Und sie ist klein. Reicht mir gerade bis zum Hals.“ 

Mia lacht noch mehr. „Oh, das ist ja schrecklich!“, kräht sie vergnügt. 

„Sie hat doch tatsächlich ein angewidertes Gesicht gemacht, als ich den Cappuccino mit Hafermilch bestellt habe. So etwas will aus L.A. kommen.“ Mia muss doch begreifen, wie furchtbar diese Maggie als Assistentin ist.

Doch sie lacht weiter, bis sie innehält. „Oh, es klingelt. Das wird die Pizza sein. Ich wünsch dir einen schönen Abend. Und viel Spaß mit Sexy-Maggie!“

„Hast du überhaupt zugehört? Sie ist nicht sexy!“

Mia lacht und ich freue mich darüber. Ihr Leben klingt nicht besonders aufregend. Meine ganze Familie besteht aus Ärzten. Zeitmangel ist Programm. Feiertage mit Noteinsätzen und übermüdete Gesichter an Thanksgiving gehören dazu. Ein Grund, dass ich mich für eine andere ...