LESEPROBE „KISS AND COOK -Hochzeit nach Plan"

Nagelfeile

NALANI

 

 

„Mahalo, danke, meine Liebe. Das ist ein Kunstwerk!“ Ich kann mich an dem wunderbaren Brautgesteck kaum sattsehen. Die kunstvoll aufgesteckten Orchideen werden dem Brautpaar sicherlich gefallen. Die Braut konnte sich lange nicht für eine Farbe entscheiden, deshalb hat Yuki den Vorschlag gemacht, alle Farben zu kombinieren. Das Ergebnis ist wie immer atemberaubend.

Yukis Mandelaugen strahlen mich an, aber sie winkt ab und streicht sich verlegen durch den kurzen glatten Bob. Obwohl sie die coolste Person ist, die ich kenne, kann sie mit Lob schlecht umgehen.

„Sei nicht so bescheiden!“, necke ich sie. „Du weißt, du bist eine Künstlerin. Du hast das Ikebana im Blut. Oder war es Origami?“ Während Yuki über meinen Scherz kichert, piept mein Smartphone und erinnert mich an den nächsten Termin. Ich seufze. Gern würde ich mich bei Yuki und ihren Pflanzen noch eine Weile aufhalten. Ihr Laden ist eine Oase der Ruhe. Der feucht atmende Raum ist geheimnisvoll gedimmt und trotzdem luftig. Ein verwunschener Ort voller Gerüche und Farben, die einen zum Träumen einladen. Hier komme ich jedes Mal runter, und mein Blut scheint gemächlicher durch die Venen zu fließen. Ich bin dankbar, mit ihr eine Floristin gefunden zu haben, die die extravaganten und nur vage umrissenen Vorstellungen der Bräute perfekt umsetzt. Wir sind seit der Schulzeit beste Freundinnen. Seit ich sie das erste Mal beauftragt habe, ist sie auch noch eine der wichtigsten Stützen meiner Firma.

Ich schaue mich noch einmal in Yukis Laden um und sammle Kraft für die kommenden Termine. „Ich muss los, Yuki. Gleich treffe ich ein Paar aus Südafrika. Obwohl ich mich frage, warum sie auf Hawaii heiraten, wo es in ihrer Heimat mindestens genauso schöne Spots gibt.“

„Tja, die Wege der Liebe sind unergründlich. Mach’s gut.“ Als sie mir die Tür aufhält, fällt ihr etwas ein. „Warte, Nalani! Es ist längst mal wieder Zeit für einen Mädelsabend. Lässt deine Liste es zu, mit mir einen Kitschfilm zu schauen?“

Ich grinse meine Freundin an und kann ihr den gut gemeinten Spott nicht übel nehmen. Ich bin ein Fan von Listen. Es hilft mir, alles im Voraus durchzuplanen und mich streng an den Plan zu halten. Wenn alles auf einer Liste steht, kann erstens nichts vergessen gehen und zweitens habe ich die absolute Kontrolle über den Fortgang eines Projektes. Seit bei einer Runde Tequila-Shots herauskam, sie möchte mir den Listenspleen austreiben, ist es zwischen uns so etwas wie ein Running Gag, wie sie mich zum wilden, planlosen Leben verführen wird. „Welche von den fünf Listen, die ich diese Woche abarbeite, meinst du?“, frage ich zurück. Das meine ich nur halb im Scherz, aber Yuki gluckst.

„Egal. Quetsch mich rein.“

„Freitagabend?“

Yuki ist erstaunt über meine prompte Antwort. Sie überlegt kurz und nickt. „Freitag ist gebongt. Ich bringe eine Überraschung mit.“

„Yummi!“ Dann verziehe ich scherzhaft stöhnend den Mund und tätschle das kleine Bäuchlein, das sich unter dem Bund des Bleistiftrocks abzeichnet.

Dann zucke ich mit den Achseln. Das Leben ist zu kurz, um auf Yukis Muffins zu verzichten! „Ich hoffe, deine Überraschung ist rosa und mit Himbeerfüllung. Am besten mit Schokostreuseln drauf. Ich bestelle drei Stück.“ Ich grinse sie an und winke zum Abschied. Bevor ich durch die Tür bin, geht ein Anruf ein. Die Nummer kenne ich nicht. Ich wische über das Display.

„Nalani Grayson.“

„Miss Grayson. Büro des Gouverneurs, Isabelle hier. Ich verbinde Sie mit Gouverneur Jefferson.“

Mit großen Augen schaue ich Yuki an. Fragend hebt sie die Brauen.

„Das ist Jefferson.“ Warum ich flüstere, kann ich nicht erklären.

„Der Jefferson?“, fragt sie und lässt den Strauß sinken, an dem sie arbeitet.

Ich nicke knapp, denn schon wird es ernst.

„Miss Grayson, Jefferson hier.“

Ich straffe mich, als mir Jeffersons selbstbewusste Stimme ins Ohr brüllt. Der Mann hat es nicht mit leise. Automatisch halte ich den Hörer ein paar Zentimeter weg.

„Sie werden heute Abend mit meiner Tochter in diesem neuen Fusion-Restaurant, dem Hale Ono in Kahala probeessen.“ Seine Lautstärke hat den unbestreitbaren Vorteil, dass Yuki jedes Wort mitbekommt. Werde ich? Eigentlich hatte ich ein Treffen mit einem Geistlichen abgemacht, um die letzten Details einer Zeremonie, die bei Sonnenaufgang stattfinden soll, durchzugehen. Yuki, die um meine Sturheit weiß, sieht mich warnend an. Ich lächle beschwichtigend. Sicherlich werde ich den lukrativsten Kunden in Honolulu nicht leichtfertig abservieren. Er könnte den Durchbruch bedeuten und mir für Jahre Kunden sichern. Innerlich verschiebe ich bereits nicht nur den Abendtermin, sondern auch das Nachmittagstreffen. Dann kann ich mich vor dem Abendessen umziehen und schaffe es rechtzeitig von meinem Apartment im Norden aus nach Kahala, einem südlichen Stadtteil von Honolulu.

„Gern. Ich müsste schauen, ob sich so kurzfristig ein Tisch reservieren lässt.“

„Alles erledigt. Seien Sie um neunzehn Uhr dort.“

„Danke …“ Perplex starre ich auf das Telefon, dessen Freizeichen mir mitteilt, dass Jefferson aufgelegt hat.

Yuki ist die Erste, die reagiert. Begeistert kreischend kommt sie auf mich zugerannt und fällt mir in die Arme. Fast lasse ich in ihrem Überschwang das Orchideengesteck fallen.

„Wow. Du hast es geschafft, Nalani. Jefferson will dich für die Hochzeit seiner Tochter!“ Jetzt werde auch ich aufgeregt und falle ebenso girliehaft quietschend in ihre Freude ein.

 

Während ich den kleinen Innenhof überquere, klingelt abermals das Telefon. Ethans Bild grinst mir vom Bildschirm entgegen. Ich setze das Headset auf und nehme den Anruf an. „Hey, was gibt’s?“, frage ich, den Brautstrauß vorsichtig im Kofferraum verstauend.

„Ich musste gerade an dich denken.“ Seine Stimme hat ein Schlafzimmertimbre.

Ich verdrehe die Augen und werfe die Heckklappe einen Tick fester zu als nötig. „Ethan, du weißt, wie viel ich zu tun habe. Ich bin auf dem Weg zu einem Termin und knapp dran.“ Ich schmeiße die Handtasche auf den Beifahrersitz und betätige den Anlasser.

„Bist du jemals nicht knapp dran, Nalani? Wie wäre es mit einem Telefonquickie, Babe? Als ich heute Morgen zum Surfen aufgebrochen bin, hast du mir deinen süßen Arsch so einladend entgegengereckt. Ich konnte mich kaum zurückhalten.“

„Du hast in mein Zimmer geglotzt?“

„Die Tür stand offen, und bei schönen Frauen kann ich nicht widerstehen.“

O Gott! Dieser Typ macht mich wahnsinnig und schafft es mit seiner Art, dass ich ihm nie richtig böse sein kann. „Ich bin wirklich spät dran, Ethan.“

Er stöhnt frustriert. „Okay, wann bist du zu Hause? Ich werde dich nackt im Bett erwarten.“

Ich seufze. Wann wird Ethan endlich erwachsen? Für ihn besteht die Welt nur aus Surfen und Sex. Ich reihe mich in den fließenden Verkehr des Dillingham Boulevards ein und habe einen Moment Spaß daran, auf sein Spiel einzugehen und ihm vor allem unter die Nase zu reiben, dass andere Leute arbeiten.

„Keine Ahnung, Sweetie. Du weißt, das kann ich nicht genau sagen. Ich habe der verzweifelten Brautjungfer der Davidson-Braut versprochen, ihr bei der Anprobe des Kleides zu helfen. Dann muss ich eine Einladungskarte genehmigen. Nach der Druckerei rase ich nach Hause, um mich umzuziehen. Stell dir vor, mit wem ich anschließend im Hale Ono essen werde?“ Der Verkehr vor mir wird dichter, und ich biege spontan in eine schmale Seitenstraße ab. Gut, dass ich alle Schleichwege in Honolulu kenne.

Anstatt zu antworten, sagt er: „Da kommt ’ne geile Welle an. Weck mich einfach, Babe.“

Zum zweiten Mal an diesem Morgen schallt mir das Freizeichen entgegen. Ethan hat aufgehängt!

Seufzend zerre ich das Headset vom Ohr und werfe es neben die Handtasche. Ethan zeigt kein Interesse an dem, was ich beruflich mache. Warum sollte er auch? Hier geht es um Sex, mehr nicht. Oder besser: ging es um Sex. Denn es war ein einmaliger Ausrutscher. In mein Zimmer zu gehen, während ich schlafe, überschreitet eindeutig die Abmachung. Wer weiß, wie oft er das schon getan hat?

Ich lasse den Unmut an dem schwarzen SUV aus, der aus unerfindlichen Gründen vor mir die Straße blockiert, und schlage zweimal auf die Hupe. Missmutig puste ich eine gelockerte Haarsträhne aus dem Gesicht. In Gedanken mache ich mir eine Notiz, diese vor dem Aussteigen festzuklemmen. Eine Miniliste zwischendurch. Schweißtropfen bilden sich zwischen meinen Brüsten. Ich hantiere an der Klimaanlage.

Es war eine blöde Idee, ein Zimmer meiner kostspieligen Traumwohnung ausgerechnet an Ethan unterzuvermieten. Ursprünglich hatte ich vor, eine weibliche Untermieterin aufzunehmen. Aber er hat mich mit seinem jungenhaften Charme um den Finger gewickelt. Ich gebe zu, seine Herkunft hat die letzten Zweifel beseitigt. Ethans Vater, ein wohlhabender Industrieller, ist in Wahrheit mein Vertragspartner. Er hat die Hoffnung offenbar nicht aufgegeben, sein Sohn werde die Kurve bekommen und anstatt zu surfen die Firma übernehmen.

Alles ging so lange gut, bis ich nach vier Wochen der charmanten Anmachtour des blonden Surfers nachgegeben habe. Ich gestehe, ich war einsam. Hey: Ich bin eine Frau. Und der Typ ist heiß. Ich sage nur: Surfer! Außerdem war er hartnäckig. Die Nacht mit Ethan war … interessant. Die Kamasutra-Stellung „Rossantilope“ kannte ich vorher nicht. Wie genau sie geht, möchte ich mir gar nicht merken. Schließlich endete der Versuch, Ethans Experimentierfreude zu teilen, in einem Lachkrampf. Bereits am nächsten Morgen habe ich ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass es eine einmalige Sache war. Ich hätte auch gegen eine Wand reden können. Ethan ignoriert meine Abwehrversuche völlig. Manchmal habe ich den Eindruck, er glaubt tatsächlich, wir seien ein Paar. Sonst würde er doch nicht anrufen und solches Zeug reden? Sende ich ihm die falschen Signale?

Der SUV vor mir bewegt sich nicht. Ich stoße verärgert die Luft aus.

„Rossantilope!“ Ich schnaube bei der Erinnerung die lästige Haarsträhne weg. Wer braucht eine solche Stellung, wenn es genauso Spaß macht, einfach unten zu liegen? Das heißt doch nicht, dass ich frigide bin. Oder alt werde. Nicht wahr?

Ein kurzer Check im Rückspiegel bestätigt, keine Falten sind zu sehen. Wie denn auch mit fünfundzwanzig? Das Make-up, auf das ich jeden Morgen sorgfältig achte, hält trotz der Hitze. Die Tipps der Visagistin, die mit mir bei Hochzeiten zusammenarbeitet, sind Gold wert. Bei meinem Job muss ich tadellos aussehen. Das erwarten die Bräute, um die Gewissheit vermittelt zu bekommen, ihre Hochzeit verliefe ebenso. Das Spiegelbild verrät mir allerdings, ich sollte heute Morgen an meinem Lächeln arbeiten, das mir seit dem Gespräch mit Ethan in den Hals gerutscht ist.

Warum stecke ich hier in dieser Gasse fest? Ich hupe noch einmal.

Hoffentlich geht mit dem Auftrag von Jefferson mein Traum in Erfüllung. Mehr Ertrag für wenige, dafür umso luxuriösere Hochzeiten. Ethans Miete werde ich dann nicht mehr brauchen und endlich wieder die Wohnung für mich haben. Mein Job schlaucht, und wenn ich endlich zu Hause bin, möchte ich nicht reden, sondern niveaulose Fernsehshows glotzen, ins Bett fallen und einfach nur schlafen. Stattdessen hieve ich jeden Abend entweder Ethans schnarchenden Männerkörper zur Seite, um mir Platz auf dem Sofa zu schaffen, oder wehre seine Anmachsprüche ab. Dass er sein eigenes Zimmer hat, blendet Ethan gern aus. Er frisst regelmäßig den Kühlschrank leer. Die Turnschuhsammlung kommt mir in den Sinn, die sich neben der Wohnungstür stapelt und über die ich täglich stolpere.

Wütend bearbeite ich bei dem Gedanken meine Unterlippe und stelle fest, immer noch in der schmalen Straße zu stehen. Seit einer gefühlten Ewigkeit habe ich mich keinen Zentimeter vorwärtsbewegt. Was ist denn heute mit dem Verkehr los? Sonst ist das einer meiner todsicheren Schleichwege, um der Rush Hour zu entgehen. Die sorgsam angelegte To-do-Liste für heute wackelt. Dabei habe ich sie doch schon umgestellt! Abermals betätige ich die Hupe. Ein befreiendes Gefühl! Ich lasse die Hand ein wenig länger drauf als nötig und spüre förmlich, wie der Druck nachlässt.

Als die Fahrertür des Wagens vor mir aufschwingt, merke ich erst, was ich tue. Brav lege ich die Hände wieder auf die vorbildliche Zehn-vor-zwei-Haltung ans Lenkrad.

Mit klopfendem Herzen beobachte ich, wie ein Schrank von einem Mann aussteigt und geradewegs auf mich zukommt. Er ist mindestens 1,90 m groß, trägt schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt, unter dem sich breite Schultern deutlich abzeichnen. Das dunkle Haar ist militärisch kurz geschnitten. Trotz der Sonnenbrille, die die Augen verdeckt, kann ich sehen, wie angepisst er ist. Furcht einflößend. Instinktiv drücke ich auf den Schalter, der die Türen verriegelt. Ich überlege, den Rückwärtsgang einzulegen und zu fliehen. Ein Blick in den Rückspiegel zeigt mir, eine Flucht würde an dem Stau hinter mir scheitern. Gleichzeitig kommt die Erkenntnis, dass dieser Macho-Schläger-Typ mich wohl kaum vor aller Augen aus dem Wagen zerren wird. Dafür gäbe es zu viele Zeugen. Hektisch wühle ich in meiner Handtasche nach irgendetwas, das ich als Waffe nutzen könnte. Sicher ist sicher. Kurz erwäge ich das Fleckenspray, das sich bei Malheuren auf Brautkleidern in Sekundenschnelle bewährt hat. Vielleicht brennt das gut in den Augen? Schon ertaste ich die Flasche auf dem Boden der Tasche, als der Mann meine Fahrerseite erreicht hat und mir mit einer Handbewegung zu verstehen gibt, das Fenster runterzukurbeln. Dann muss es eben die Nagelfeile tun, die ich fest umschließe. Ich schlucke mein Unbehagen hinunter und öffne das Fenster. Betont unbeteiligt wende ich mich ihm zu. Er nimmt die Brille ab, legt die Arme auf das Wagendach und beugt sich zu mir herunter.

Das durchdringende Blau seiner Augen steht im Kontrast zur sonnengebräunten Haut. Ein leichter Dreitagebart umspielt den spöttisch verzogenen Mund, als er mit vor Sarkasmus triefender Stimme fragt: „Haben Sie es etwa eilig, Lady?“

Trotz seines Tonfalls richtet diese Stimme die Härchen in meinem Nacken auf. Sie ist rau, tief und voll zugleich. Er hört sich an wie flüssige Schokolade gepaart mit dem Brechen der Wellen vor Waimanalo Beach bei Sonnenaufgang. Wow! Seit wann habe ich so verquere Assoziationen? Fasziniert starre ich auf seinen Mund, dessen Lippen einladend voll sind.

„Lady?“

Ertappt zucke ich zusammen. O Gott, und seit wann starre ich fremde Typen an? Ich räuspere mich.

„Sie haben es erfasst. Anders als andere Menschen habe ich keine Zeit, den Tag zu vertrödeln.“ Ich setze ein zuckersüßes Lächeln auf und umfasse die Nagelfeile fester. Sicher ist sicher.

Er schnaubt abfällig, richtet sich auf und hebt einen Arm. In Erwartung eines Angriffs zucke ich unwillkürlich zusammen. Doch er fährt sich nur mit der Hand durchs Haar und murmelt etwas Unverständliches. Ich höre so etwas wie „ausgerechnet heute muss ich dieser Bitch begegnen“ raus. Bin mir aber nicht sicher, denn ich bin abgelenkt von dem ausgeprägten Bizeps, der sich bei der Bewegung nach außen wölbt. Hier auf Hawaii sieht man viele Männer, die muskulös gebaut sind. Aber bei ihm wirkt es so … männlich. Ein Schwall herben Dufts umweht mich und ich schlucke. Automatisch öffnet sich die Hand um die Nagelfeile. Hochzeitsplanerin überwältigt durch Pheromone! sehe ich bereits die Schlagzeile der morgigen Sensationspresse vor mir. Er legt den Kopf schief und sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an. Ich hebe die Brauen und wirke hoffentlich souverän. Er wendet sich schnaubend ab und macht eine Geste in Richtung seines Fahrzeugs.

„Stellen Sie sich vor, da vorn hat eine alte Frau so rumgetrödelt, dass ein Krankenwagen sie versorgen muss.“ Er schlägt auf das Wagendach. Nur leicht, aber es reicht aus, mich zusammenzucken zu lassen.

„Ich geh dann mal bei mir im Auto weitertrödeln. Das wird hier zu langweilig.“ Er lässt mich stehen, und ich kaue schuldbewusst an meiner Lippe. Eine alte Frau? Wie konnte ich nur so einen blöden Spruch bringen? Ich habe es verdient, dass er mich damit aufzieht. Die Selbstzerfleischung hält mich allerdings nicht davon ab, zu bemerken, wie knackig sich sein Hinterteil unter der schwarzen Jeans abzeichnet.

Wenige Minuten später löst sich der Stau auf, und ich bin unendlich erleichtert, den Ort meiner Scham verlassen zu können.

Wie gut, dass ich diesen Typen nie wiedersehen muss.

HALE ONO

CARTER

 

„Sorry, Jack, ich verspäte mich. Sag Mellie, das Team soll schon einmal mit den Standards beginnen. Die Besprechung machen wir später.“ Endlich dem Stau entronnen, drücke ich aufs Gas. Das tut gut nach dieser Bitch. Gott, wie die genervt hat. Ich hasse solche aufgetakelten Tussis, die sich in ihren Bleistiftröcken und Seidenblusen aufführen, als würde die Welt nach ihrer Pfeife tanzen. Aber sie können nicht von zwölf bis Mittag denken. Dabei immer schön die Nägel feilen. Am liebsten hätte ich durchs Fenster in ihren Betondutt gegriffen und ihr mal ordentlich den Kopf gerüttelt. Auf welchem Wattebausch lebt die? Als würde ich aus Spaß in dieser Sackgasse feststecken. Der Anblick der alten Frau, die aschfahl vor meinem Auto zusammengeklappt ist, nachdem ich sie mit ihrem Rollator die Straße habe überqueren lassen, lässt mich nicht los. Hoffentlich können die Einsatzkräfte bald ihre Familie ausfindig machen. Unvermittelt erinnere ich mich an meine eigene Großmutter, und der Schmerz, sie verloren zu haben, ist heute genauso groß wie vor fünf Jahren. Ein Schauer durchfährt mich, als ich versuche, die Bilder zu verdrängen, wie die Rettungskräfte soeben eine Sauerstoffmaske über das Gesicht der alten Frau gelegt haben. Das Leben ist einfach zu unberechenbar und zu kurz! Das hat diese hupende Bitch im Auto hinter mir nicht gerafft. Dabei sollte sie es mit ihren offensichtlich polynesischen Wurzeln besser wissen. Steht doch in Hawaii das Prinzip des Aloha, was sich mit Liebe, Mitgefühl und Nächstenliebe übersetzen lässt, über allem.

Ich atme durch. Nicht wegen dieser Frau den Tag verderben lassen. Zum Glück muss ich sie nie wiedersehen.

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, mein Team steht seit einer halben Stunde parat. Genauso wie ich sie herbeordert habe, nachdem ich den Anruf von Jeffersons Assistentin bekommen habe. Ausgerechnet heute verspäte ich mich. Ungeduldig trommle ich mit den Fingern aufs Lenkrad. Wenn Tristan heute früh nicht so verpeilt gewesen wäre, wäre ich eher losgekommen. Ich seufze. Das Zusammenleben mit ihm ist großartig, doch auch schwierig. So anspruchsvoll hatte ich mir das nicht vorgestellt.

 

Die Glastür in meinem Rücken gleitet leise zu, und absolute Ruhe empfängt mich. Wie genieße ich diesen Augenblick des Tages, wenn ich meinen Lebenstraum betrete! Jedes Mal mit einer Mischung aus Freude und Trauer. Wenn doch Grandma Greta noch hätte erleben können, was ich aus diesem Ort gemacht habe. Wohlwollend schweift mein Blick über den luftigen Gastraum, dessen verglaste Rückwand in den Garten zeigt, den flauschigen Teppich, die weiß eingedeckten Tische. Passend zu den modernen großformatigen Bildern an den Wänden und der ansonsten zurückhaltenden Ausstattung. Alles sieht perfekt aus. Gordon, von dem ich alles gelernt habe, was ich über Gastronomie weiß, wäre stolz auf mich.

Zufrieden registriere ich, wie mein Team auch ohne mich schnurrt, obwohl das nur einen Monat nach Eröffnung noch nicht zu erwarten wäre. Das habe ich in erster Linie der blonden Frau zu verdanken, die lächelnd den Kopf hebt, als ich eintrete.

„Da bist du ja. Ich gebe den anderen Bescheid“, sagt Mellie und verschwindet in der Küche.

Wenige Minuten später nehmen alle an dem großen Tisch auf der Terrasse Platz, an dem unsere tägliche Besprechung stattfindet.

„Tut mir leid, dass es ausgerechnet heute später wurde. Ein Notfalleinsatz hat mich aufgehalten.“ Sofort kommt mir wieder das Bild der ignoranten Tussi mit der Nagefeile in den Sinn. Ich wische es fort. „Wie ihr alle mitbekommen habt, ist für heute Abend ein wichtiger Gast angesagt. Die Tochter von Gouverneur Jefferson wird hier für ihre Hochzeit testessen. Wenn ihr denselben Einsatz zeigt wie immer, könnte das nicht nur den Auftrag bedeuten, das Catering zur wichtigsten Party des Jahres zu stellen …“ Ich blicke eindringlich in die aufmerksamen Gesichter meiner Crew, bevor ich fortfahre. „Sondern das Hale Ono wird in die oberen Sphären gehievt. Und das hat es verdient.“ Alle klatschen, und Casey und Jack geben sich high five. „Was immer auch geschieht: Es ist wichtig, dass jeder wie immer sein Bestes gibt.“ Einstimmig nicken alle. Ich wende mich Mellie zu. „Wir brauchen heute die volle Besetzung. Haben alle Aushilfen so kurzfristig zugesagt?“

Mellie sieht von ihrem Notizblock auf und nickt.

„Gut. Die anderen Gäste dürfen nicht vernachlässigt werden. Das ist ebenso wichtig wie dafür zu sorgen, dass sich Angelina Jefferson wie im Himmel fühlt. Seid ihr auch dieser Meinung?“

Alle murmeln zustimmend. Ein warmes Gefühl breitet sich in meiner Brust aus. Ich vertraue dem Team voll und ganz.

Alle, die hier sitzen, sind Freunde, die ich seit Ewigkeiten kenne. Obwohl ich ein paar Jahre in Las Vegas verbracht habe, um meinen Träumen zu folgen, war es nach meiner Rückkehr so, als wäre ich nie weggewesen. Gerührt schaue ich meine Ohana an, wie wir Hawaiianer die erweiterte Familie, den Kreis der Menschen, die wir lieben, nennen. Sie alle haben mir während der letzten dreizehn Monate der aufreibenden Gründungszeit den Rücken gestärkt. Selbst, als kein anderer daran geglaubt hat, dass ich aus dem verwilderten Strandgrundstück mit der verfallenen Gaststätte einen angesagten Ausgehspot machen werde. Das Hale Ono ist nicht nur ein Job, sondern ein Traum, den wir hatten, als wir vor Jahren mit der mobilen Shrimps-Bude am Waikiki Beach unser Taschengeld aufgebessert haben. Diese war erst nicht mehr als ein fahrbarer Grill mit Sonnenschirm, später dann ein klappriger Van. Ein Anflug von Wehmut beim Gedanken an die alte Zeit überkommt mich. Ich hätte zu keinem besseren Zeitpunkt aus Las Vegas zurückkehren können. Wie konnte ich auch ahnen, dass meine Freunde ohne mich so auseinanderdriften und vom Weg abkommen? Casey, mein Sous Chef und rechte Hand in der Küche, ist der kleine Bruder von Jack, den dieser überall hin mitschleifen musste. Casey hatte damals schon das Talent, Unglück auf sich zu ziehen. Kein Wunder bei dem Vater. Nach meiner Rückkehr habe ich ihn gerade noch aus dem Bandensumpf von Honolulu retten können. Seit er bei mir kochen lernt, sind die dunklen Augenringe, die er anfangs hatte, kaum mehr zu sehen.

Mellie, meine Restaurantchefin ist alleinerziehende Mutter und hat ständig Pech mit den Männern. Nach dem, was sie erzählt, habe ich nicht übel Lust, dem einen oder anderen Typen einen Besuch abzustatten und ein wenig Respekt einzuprügeln. In der Junior High waren wir ein Paar. Ganz unschuldig. Bis wir gemerkt haben, dass wir als Freunde unschlagbar sind. Seit diesem Moment ist sie meine beste Freundin. Sie ist toll, und ich weiß nicht, ob ich ohne ihre klugen Ideen so weit gekommen wäre, wie ich es heute bin.

Der neunmalkluge Jack, Caseys großer Bruder und jetzt mein kaufmännischer Geschäftsführer, deckt genau den Bereich ab, auf den ich am wenigsten Bock habe. Ich will kochen und mich nicht um Marketing, Steuern und Gewerbegenehmigungen kümmern. Ich sage es ungern, aber es ist so: Dass er seinen Job in einer Unternehmensberatung wegen seiner Kokainsucht verloren hat, war mein Glück. Und seins. Denn seit er hier arbeitet, hat er das weiße Pulver nicht mehr angerührt. Ich hole tief Luft und betrachte meine Leute. Wir alle sind das Hale Ono!

„Okay, dann lasst uns loslegen. Später fahre ich kurz auf den Großmarkt. Ich habe mir erlaubt, das Menü heute Abend ein klein wenig abzuwandeln.“ Ich reibe die Hände und schaue in die interessierten Gesichter meiner Crew.

 

Caseys erwartungsvoller Blick hängt an meinen Lippen. Mit geschlossenen Augen spüre ich der Meeresfrüchteterrine nach, die Casey nach meinen groben Angaben zubereitet hat. Perfekt! Einmal mehr überkommt mich stille Freude, wie sich mein Vertrauen in ihn ausgezahlt hat. Ich nicke anerkennend, und Caseys Stolz ist sichtbar, bis ihm aufgeht, wie uncool das sein könnte. Verstohlen blickt er sich um, ob Tess, auf die er steht, ihn beobachtet haben könnte. Die rothaarige Küchenhilfe ist nicht zu sehen. Casey ist sichtlich erleichtert. Lachend klopfe ich ihm auf die Schulter, und er zuckt ertappt mit den Mundwinkeln. Zurück zur Arbeit.

„Okay, ich bin jetzt einen Moment bei Mellie, und du beginnst mit dem Dessert. Vergiss nicht …“

„Jaja, ich weiß: heben, nicht schlagen“, ahmt er mich nach, und ich ziehe verwundert die Brauen hoch.

Anscheinend höre ich mich an wie Gordon, mein eigener Ausbilder. Und ich lasse auch, genau wie Gordon, die Köche selbst Desserts machen. Wir sind ein kleines Team und haben keinen Patissier bei uns, der sich nur um die extravaganten Kreationen der Nachspeisen kümmert. Ich schnaube amüsiert, lege die Schürze ab und betrete durch die Schwingtür das Lokal. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagt mir, dass nicht mehr viel Zeit bleibt. Ich steuere Mellie an, die an einem der Tische am Laptop sitzt.

„Also, was hast du über Jeffersons Tochter herausfinden können?“

Sie zuckt mit den Achseln. „Nicht viel. Mich wundert es ehrlich gesagt, dass der Gouverneur diese Hochzeitsplanungs-Agentur eingeschaltet hat. Er könnte sich doch eine der großen und bekannten leisten. Warum riskiert er das?“

Ich schüttle den Kopf. „Die Agentur interessiert mich nicht. Was ist mit der Braut?“

„Jefferson scheint seine Tochter vor der Presse abzuschirmen. Es gibt ein Bild von ihr und ihrem Verlobten an einem Beach. Aber da kann man nicht viel erkennen.“ Sie dreht den Bildschirm in meine Richtung, und ich stoße automatisch einen Pfiff aus. Selbst das grobkörnige Bild, das offensichtlich aus großer Entfernung geschossen wurde, kann die schmale Figur von Angelina Jefferson in dem winzigen Bikini nicht verbergen. Sie geht an der Hand eines breitschultrigen Mannes. Auch er ein attraktiver Typ.

Fuck! Ich hatte definitiv zu lange keinen Sex mehr und klebe mit den Augen an dem knackigen Hinterteil.

„Carter!“ Mellie sieht mich warnend an. „Vergiss nicht, wie viel an dem Auftrag hängt! Wenn dein Blut im Schwanz steckt, kannst du nicht kochen.“

Ich hebe lachend die Hände. „Schauen darf man doch, oder? Keine Sorge, Mel. Du wirst sehen, ich werde mich wie ein Profi verhalten.“

Sie schaut mich zweifelnd an, was ich nur aus dem Augenwinkel mitbekomme, denn mein Blick klebt wieder an dem Foto.

„Carter, ich sperre dich eigenhändig in den Kühlraum, wenn ich auch nur ansatzweise mitbekomme, da schwirren Hormone.“

HIER KOMMT DIE BRAUT

NALANI

 

Zufrieden betrachte ich meine Silhouette, die die Glastür widerspiegelt, bevor ich sie öffne und sich mein Abbild verzerrt. Nachdem ich alle Termine lehrbuchmäßig abgehandelt habe, blieb tatsächlich Zeit, mich in Ruhe für das wichtige Dinner mit Angelina Jefferson aufzubrezeln. Das dunkelblaue Etuikleid, das raffiniert geschnitten ist, schmeichelt meinen Rundungen. Mit den fuchsiafarbenen Wildlederpumps und der dazu passenden Clutch sehe ich gestylt, aber nicht overdressed, aus. Yuki hat mir das Set zu meinem letzten Geburtstag geschenkt, weil es angeblich zu der von meiner polynesischen Mutter geerbten karamellfarbenen Haut passt. Bisher gab es nicht wirklich einen Anlass, es zu tragen. Als Hochzeitsplanerin bevorzuge ich meine dezente Uniform, um der Braut nicht die Show zu stehlen. Das lange schwarze Haar trage ich heute zu einem lockeren Zopf gebunden. Nach einem kurzen Kampf mit dem Lockenstab habe ich ihn mit ein paar Nadeln so gesteckt, dass er zu einer Seite fällt.

Als ich das Lokal betrete, nehme ich erfreut zur Kenntnis, wie einige männliche Gäste bewundernd in meine Richtung schauen. Eine attraktive Blondine empfängt mich freundlich. Sie ist mir sofort sympathisch, weil ihr Lächeln nicht aufgesetzt, sondern echt wirkt.

„Ich bin mit Miss Jefferson verabredet.“

„Aloha im Hale Ono, Miss Grayson. Ich bin Mellie und stehe zu Ihrer Verfügung. Ihre Begleitung ist noch nicht hier. Möchten Sie an der Bar warten oder bevorzugen Sie den Tisch?“

„Den Tisch, bitte“, antworte ich, weil ich die Wartezeit nutzen möchte, um mir Notizen zu machen. Ich lasse mir die Überraschung, dass sie meinen Namen kennt, nicht anmerken. Ob sie zu jedem Gast so aufmerksam ist? Oder gibt sie sich besonders viel Mühe, seit ich den Namen Jefferson erwähnt habe?

„Sie können wählen, ob Sie lieber im klimatisierten Innenraum oder auf der Terrasse sitzen möchten.“ Sie macht eine Geste nach draußen, und erst da fällt mir auf, dass sich dem Gastraum eine großzügige Terrasse anschließt. Ich bin unschlüssig, denn der Innenraum hat etwas Modernes, aber ist durch die edlen Stoffe, mit denen die Stühle und Sitzbänke bezogen sind, sehr gemütlich.

„Ich würde es mir gern anschauen und dann entscheiden“, murmele ich, fasziniert von den dezent angeleuchteten Bambuspflanzen und Palmen, die mich nach draußen locken.

„Selbstverständlich!“

Ich folge ihr durch den gut besetzten Laden und erhasche im Vorbeigehen einen Blick auf die kunstvollen Kreationen auf den Tellern. Hm. Das sieht fantastisch aus. Mein Magen knurrt leise und erinnert mich daran, dass ich das Mittagessen habe ausfallen lassen. Ich trete nach draußen. Wow! Die Terrasse ist der Wahnsinn. Mir war nicht bewusst, dass das Hale Ono direkten Meerzugang hat. Natursteinplatten gehen in eine Rasenfläche über, die nach etwa einhundert Metern zum leicht abfallenden Strand wird. Die Außenfläche ist ja riesig! Von hier aus kann ich erkennen, dass dort Liegestühle aufgebaut sind und Fackeln dem Ganzen den ultimativ romantischen Touch geben. Ich bin in Romantic-Wonderland und möchte am liebsten sofort alles fotografieren. Diese Location muss unbedingt in mein Portfolio. Die Möglichkeiten, die sich hier für Hochzeiten bieten, sind unendlich. Mein Herzschlag erhöht sich, so verzaubert bin ich von dem Ort. Dort könnte man einen Pavillon aufstellen. Da vorn wäre der ideale Platz für eine Combo. Auf dem Wasser könnten mit Lichtern bestückte Fischerboote dümpeln …

„Gefällt es Ihnen?“ Die Stimme meiner Begleiterin reißt mich aus der sich überschlagenden Fantasie. Ich ermahne mich zur Professionalität. Wenn ich hier draußen sitze, werde ich zu abgelenkt von meinen Träumen sein.

„Ja, es ist wunderschön hier. Aber ich denke, wir nehmen den Tisch im Innenraum.“

Wenn sie darüber verblüfft ist, lässt sich die aufmerksame Dame nichts anmerken und begleitet mich zu einem Ecktisch, der zweifellos der beste im Restaurant ist. Von hier aus hat man alles im Blick, ist jedoch ungestört.

Ich lege meine Clutch neben das Besteck und nutze die Zeit, mich in Ruhe im Innenraum umzusehen. Die Details der Einrichtung sind geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Alles ist in Mauve- und Anthrazittönen gehalten. Üppige Orchideengestecke und großformatige Fotografien, die die Farben der samtenen Sitzbezüge aufgreifen, runden das Bild ab. Ich habe gehört, der Koch und Besitzer ist ein attraktiver Typ. Bei so viel Stilsicherheit und der Farbwahl ist der Kerl vermutlich schwul. Zumindest habe ich bisher keinen Hetero-Mann getroffen, der einen so erlesenen Geschmack hat. Ich schmunzle, als ich mir Ethan vorstelle, der von diesem Raum hier so weit entfernt ist wie vom Mond.

Ich gehe davon aus, den Chef später zu sehen. So wie die Empfangsdame mich hofiert hat, wird er es sich nicht nehmen lassen, Jeffersons Tochter persönlich zu begrüßen. Hoffentlich ergibt sich eine Gelegenheit, ihn dazu zu bewegen, mit mir zusammenzuarbeiten. Vielleicht kann ich ihn nicht nur fürs Essen für die Jefferson-Hochzeit gewinnen. Er muss doch erkennen, welche Win-win-Situation das wäre, eine Kooperation mit mir einzugehen. Innerlich überlege ich bereits eine Strategie, wie ich ihn überzeugen kann. Wenn ich Angelina die Ideen mit der Garten-Strand-Party schmackhaft machen kann, wird er kaum Nein sagen können. Ein ungeduldiges Kribbeln macht sich in mir breit. Schnell spüle ich die Nervosität mit einem Schluck Wasser hinunter.

Das Raunen, das durch das Restaurant geht, lässt mich zum Eingang blicken. Da ist Angelina Jefferson. Ich habe sie vorhin gegoogelt, damit ich sie erkenne. Allerdings habe ich nur ein unscharfes Bild gefunden, das sie mit ihrem Verlobten an einem Strand zeigt. Doch es ist unverkennbar sie. Wow! Sie hat die perfekte Modelfigur und schwebt förmlich durch das Lokal. Ob sie überhaupt etwas essen wird?, kann ich mir nicht verkneifen, zu denken. Ich erhebe mich und bin trotz meiner High Heels ein ganzes Stück kleiner als die blonde, grazile Schönheit, die das genaue Gegenteil von mir ist. Wo ich weich, dunkel und rund bin, ist sie schlank und hell. Ein Engel.

„Guten Abend, Miss Grayson. Danke, dass Sie so kurzfristig Zeit hatten.“

Ihre Stimme ist wunderschön und verdrängt wie von Zauberhand den bissigen Gedanken, dass mich ihr Vater wegen des Termins vor vollendete Tatsachen gestellt hat. Ich reiche ihr die Hand, die sie mit ihren warmen langen Fingern umgreift. Sie duftet gut, und ihr Lächeln ist ehrlich. Sofort wünsche ich mir, mehr davon zu sehen. Mein Magen flattert, und unweigerlich frage ich mich, ob ich meine sexuelle Orientierung völlig falsch eingeschätzt habe. Das wird die Nervosität sein. Diese Frau hat eine Ausstrahlung, der man sich nicht entziehen kann.

„Bitte, setzen Sie sich. Nur keine Umstände.“ Wie kann sie so nett und bescheiden sein? Bei dem Vater?

Sie lächelt mich nachsichtig an, als könnte sie meine Gedanken lesen.

Während sie auf dem von Mellie zurückgezogenen Stuhl Platz nimmt, klärt sie mich auf. „Sie sind wahrscheinlich erstaunt, dass ich nicht wie mein Vater brüllend ins Lokal gerannt komme und Sie bereits von Weitem zutexte. Leicht irritierte Blicke wie Ihrer gerade eben treffe ich häufig an. Sie müssen wissen, mein Vater und ich sind sehr unterschiedlich.“ Fast entschuldigend senkt sie die Augen.

Ich muss mich sehr zusammenreißen, nicht laut herauszulachen. „Ja, ich habe Ihren Vater am Telefon erlebt. Und Sie sind definitiv anders. Ich bin sicher, wir beide werden uns wunderbar verstehen, Miss Jefferson.“

„Nennen Sie mich bitte Angelina. Und ja, ich denke auch, wir werden gut zusammenarbeiten.“

Mellie nimmt unsere Getränkebestellungen entgegen. Wir nehmen beide Wasser. Bei Angelina habe ich nichts anderes erwartet. Solch makellose Haut hat man nicht, wenn man regelmäßig Alkohol trinkt. Und ich möchte einen klaren Kopf bewahren. Ich revidiere meinen ersten Eindruck von Angelina, als diese lächelnd und ohne den kleinsten Änderungswunsch Mellies Menüempfehlung folgt. Dass diese schlanke Frau freiwillig sechs Gänge bestellt, hätte ich nicht erwartet. Sie nimmt sogar von dem frisch gebackenen Baguette und schließt genießerisch die Augen. Ich lege meine Befangenheit ab und grinse sie an, während ich mir selbst das köstliche Topping aus Olivenconfit aus dem Mundwinkel tupfe.

Angelina sieht sich begeistert im Lokal um, und wir wechseln ein paar Worte über das geschmackvolle Ambiente. Ich halte nicht lange durch, bis ich die Frage stelle, die mir seit Jeffersons Anruf auf der Zunge brennt. Neugierig neige ich mich vor: „Darf ich fragen, wie Sie auf mich gekommen sind?“

Angelina lehnt sich zurück und lacht leise. „Dasselbe hat mich mein Vater auch gefragt, Nalani. Ich darf doch Nalani sagen?“

Ich nicke.

Sie trinkt einen Schluck und spannt mich einen weiteren Moment auf die Folter. „Ich habe auf Ihrer Homepage gesehen, wie professionell Sie vorgehen, dabei jedoch individuellen Charme vermitteln. Dieses Image haben Sie aus eigener Kraft aufgebaut. Das gefällt mir. Sie glauben nicht, wie viele Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung nur durch die Hilfe des Geldes und der Connection von Daddy erfolgreich sind. Da nehme ich mich nicht aus.“ Sie lacht leise, als würde sie sich im Stillen über sich selbst amüsieren.

Ich mag Menschen, die sich selbst nicht zu ernst nehmen, und Angelina gewinnt minütlich weitere Pluspunkte. Und dabei ist sie eine Braut!

Bräute sind eine Spezies Frauen für sich. Das ist mein Fazit nach knapp zwei Jahren als Hochzeitsplanerin. Selbst die coolste Frau wird in der letzten Woche vor der eigenen Trauung zu einem Nervenbündel. Sei es wegen der Schwiegermutter, die der Braut reinredet, sei es wegen eingebildeter überflüssiger Pfunde, die das Brautkleid auf einmal „unmöglich“ machen oder wegen der guten alten Torschlusspanik, die selbst Highschool-Sweethearts auf der Zielgeraden hinterrücks anfällt. Ich habe alles erlebt und kann mit Stolz von mir behaupten, jede ‚Bridezilla’ wieder eingefangen und ihr den schönsten Tag des Lebens bereitet zu haben.

Angelina glättet gedankenverloren ihre Stoffserviette und fährt fort. „Darren, mein Verlobter, und ich kennen uns, seit wir Kinder sind. Darrens Vater und meiner sind Geschäftspartner. Auch jetzt noch, wo mein alter Herr in der Politik ist. Unsere Eltern haben uns von klein auf gepredigt, dass man in unseren Kreisen besser unter sich bleibt.“

Ich hebe fragend die Brauen. Warum erzählt sie mir das alles?

Die Bedienung unterbricht uns und serviert auf einem gebogenen Löffel einen Gruß aus der Küche. „Meeresfrüchteterrine an Brunnenkresse auf Limonenschaum“, souffliert die junge Frau.

Wow! Das klingt nicht nur gut, sieht fantastisch aus, sondern ist … mhm … das ist göttlich! Einen Moment lang bin ich von den wohligen Empfindungen, die dieses Essen in mir auslöst, abgelenkt. So begreife ich den Sinn dessen, was Angelina erzählt, als sie fortfährt, erst verzögert.

„Meine Eltern denken, sie wissen immer genau, was gut für mich ist. Sie mischen sich trotz meiner vierundzwanzig Jahre ständig in mein Leben ein. Auch bei der Wahl meines zukünftigen Ehemannes. Ich wollte wenigstens die Hochzeitsorganisation und die Party allein gestalten.“ Ihre Augen wirken dabei entrückt und nachdenklich.

Habe ich mich verhört? Handelt es sich um eine arrangierte Ehe? Sie muss das Entsetzen in meinen Augen gesehen haben. Sofort lächelt sie wieder.

„O nein, nicht, dass Sie jetzt das Falsche denken. Ich liebe Darren über alles. Aber es wurmt mich ein wenig, dass meine Eltern das schon für mich wussten, als Darren und ich noch gewickelt wurden.“ Sie zieht ein so selbstironisch-verzweifeltes Gesicht, dass ich lachen muss, und sie fällt ausgelassen mit ein.

„Wenn ich das höre, frage ich mich, weshalb Ihr Vater mich zu diesem Treffen heute Abend ‚zitiert’ hat und nicht Sie?“ Ich deute die Gänsefüßchen mit den Fingern an.

Angelina zuckt mit den Schultern und grinst mich schelmisch an. „Im Laufe der Jahre habe ich mir … nennen wir es ‚eine gewisse Strategie’ angeeignet. Ich lasse ihm die Illusion, er habe in Dingen, die mich etwas angehen, ein Mitspracherecht. Also durfte er den ersten Anruf machen. Das braucht er für sein Ego. In Wahrheit liegt ab jetzt alles in meinen Händen.“

Ich beobachte den triumphierenden Gesichtsausdruck dieser faszinierenden Frau und kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Angelina schaut mich an. „Auf jeden Fall kann ich bereits jetzt sagen, es wird eine wunderbare Hochzeitsfeier.“

Erstaunt blicke ich auf ihre ausgestreckte Hand, die ich zögernd ergreife.

„Dann haben wir einen Deal, Nalani?“

Ich nicke, und als die Erkenntnis in meinen Verstand tröpfelt, gerade den Auftrag des Jahrhunderts an Land gezogen zu haben, möchte ich am liebsten aufspringen und sie umarmen. Nein, am besten gleich das ganze Lokal.

Angelina schmunzelt. „Darf ich Sie auch etwas fragen, Nalani?“

Ich nippe an meinem Wasser und nicke. „Selbstverständlich.“ Oh je. Was möchte Sie von mir hören? Nicht, dass ich den Auftrag mit einer falschen Antwort gleich wieder verliere.

„Warum sind Sie Hochzeitsplanerin?“

Erleichtert lasse ich die Schultern sinken, die ich unmerklich angespannt habe. Diese Frage wird mir oft gestellt, und ich kann die Antwort fast wörtlich abspulen.

„Meine Eltern haben ein kleines Hotel am Waimanalo Beach. Dort ist es so romantisch, dass viele Paare am Strand ihre Hochzeit feiern. Ich habe das Organisieren des schönsten Tages im Leben einer Frau quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Hawaii ist einfach der ideale Ort für diesen Beruf. Fast alles hier ist romantisch. Hätten wir in New York gelebt, wäre ich vermutlich keine Hochzeitsplanerin geworden.“

Angelina lacht. Wie alle lachen, wenn ich diesen Spruch bringe. Mittlerweile glaube ich selbst an diese Darstellung, so oft habe ich sie wiederholt.

„Dann arbeiten Sie mit Ihren Eltern zusammen?“

„Ab und zu. Meine Eltern bieten die Kulisse mit Strand und Hotel. Es sind meist kleinere Veranstaltungen. Ich dagegen biete einen Komplettservice an, wo die Lokalitäten nur einen Teil ausmachen. Aber die Romantik ist natürlich das Wichtigste.“

Angelina streicht nachdenklich über das vor ihr liegende Messer. „Ja, unsere Heimat ist sehr romantisch. Und ich denke, ich bin sehr romantisch veranlagt. Deshalb wünsche ich mir eine Märchenhochzeit.“

„Und ich denke, ich habe den perfekten Ort dafür gefunden“, sage ich und deute in Richtung Terrasse.

Angelinas Augen blitzen interessiert auf, als sie den angeleuchteten Garten erstmals wahrnimmt. Unvermittelt blickt sie mich an. „Und Sie, Nalani, glauben Sie an die wahre Liebe?“

Ich zwinge ein Lächeln auf meine Lippen und nicke begeistert. „Wäre ich sonst Hochzeitsplanerin? Angelina, Sie müssen unbedingt diesen Wolfsbarsch probieren. Der schmeckt köstlich.“

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