LESEPROBE „Lucy in Love - Suche Wohnung - Biete Herz“

Barcelona ich komme

 

Der Aufzug knarzt bedenklich. Instinktiv drücke ich die Handtasche fester an mich, als könne ich mich im Falle eines Absturzes daran festhalten. Dabei sollte ich froh sein, dass es einen Aufzug gibt und ich nicht mein Gepäck bis in den vierten Stock schleppen muss. Der Concierge, der mir unten die Tür aufgemacht hat, sieht nicht so aus, als bewege er sich jemals einen Meter aus seinem Kabuff. Ich stehe in einem dieser Metallkäfige, wie sie in Häusern südlicher Großstädte als Aufzüge üblich sind. Es ist kaum genug Platz für mich und meinen großen Koffer, den ich auf meine Zehenspitzen stellen muss, damit sich die äußere Tür schließen lässt. Nachdem ich endlich alles in der Kabine verstaut und beherzt auf den schwarzen Knopf der vierten Etage gedrückt habe, hat sich erst einmal nichts getan. Bis mir aufgegangen ist, dass ich das schmiedeeiserne Innengitter ebenfalls schließen muss. Umständlich habe ich mich über mein Gepäck gebeugt und an dem Metall gezerrt, bis es einrastet. Endlich ruckelt die Kabine aufwärts. In einem Schneckentempo, das mich ungeduldig seufzen lässt. Hinzu kommt dieses unheimliche Ächzen, als hinge die Kabine nur noch an einem dünnen Kabel. Hoffentlich kein Sinnbild für die Zukunft! Das kann ich am ersten Tag meines neuen Lebens überhaupt nicht gebrauchen!

Durch die Gitterstäbe verfolge ich die Beine eines Mannes, der im Eilschritt die Treppen hinaufsteigt. Das muss dieser Jordi sein.

Mit einem Ruck kommt das Ungetüm zum Stehen. Die äußere Tür wird aufgerissen und ich blicke in die warmen braunen Augen eines Mannes. Nett, ist das Erste, was mir in den Sinn kommt. Dunkle Locken umringeln sein Gesicht. Während er charmant lächelt, checkt er mich rasch ab. Ich sehe, wie sein Blick zu meinen Brüsten huscht. Bitte nicht das jetzt. Unwillkürlich ziehe ich die Schultern nach vorne, damit mein Vorbau kleiner wirkt. Mein großer Busen ist für mich ein Ärgernis, seit ich dreizehn war. Ich werde nie verstehen, warum Frauen viel Geld in eine Brustvergrößerung stecken, wohingegen ich BHs bevorzuge, die meine Körbchengröße D möglichst zusammenpressen. Ich mag es nicht, wenn Männer auf meine Oberweite stieren, bevor sie mir überhaupt in die Augen schauen. Dieses Exemplar Mann hat zum Glück die richtige Reihenfolge gewählt.

Er sagt etwas zu mir in einer Sprache, die sich nach meinem Empfinden sehr gequetscht anhört. Einzig meinen und seinen Namen erkenne ich in dem Kauderwelsch. Während ich mich mit meinem Gepäck aus dem Aufzug schäle, zucke ich entschuldigend die Schultern. Er runzelt die Stirn und wiederholt das Gesagte auf Englisch.

„Entschuldigung! Sie sprechen ja kein Katalanisch. Ich bin Jordi. Wir hatten telefoniert. Daniel hat mich gebeten, Ihnen alles zu zeigen.“ Er spricht das „J“ seines Namens weich aus, wie „Dsch“, auf die katalanische Art. Nicht, wie die Spanier aus dem Rachen, wie das „ch“ in Jochen. Ich klaube mein Schulspanisch zusammen und halte Jordi die rechte Hand hin.

„Buenas tardes, ich bin Lucy Seidel. Wie geht es Ihnen? Ich bin Deutsche und komme aus Wuppertal. Bitte reden Sie Spanisch mit mir.“ Mit einem amüsierten Lächeln ergreift Jordi meine Hand, die ich ihm sofort wieder entziehe, bevor er noch auf die Idee kommt, sie länger als nötig festzuhalten. Außerdem fühle ich mich verschwitzt von der Reise. Verstohlen wische ich die Hand an meinem Sommerrock ab. Gleichzeitig spüre ich einen Schweißtropfen, der sich in meinem Nacken löst. Gut, dass ich mein blondes Haar zu einem lockeren Dutt hochgesteckt habe. Es ist so heiß hier im August! Vielleicht ist es nur die Aufregung. Erst der Flug, dann die Taxifahrt durch die fremde Stadt und nun das erste Mal Spanisch sprechen. Furchtbar nervös unterdrücke ich das aufkeimende Grübeln, ob die ganze Reise nicht eine völlig bescheuerte Kurzschlussreaktion von mir war. Rasch blicke ich zu der verschlossenen Wohnungstür, vor der wir stehen. Mit einem Mal habe ich das dringende Bedürfnis, mein Domizil für die kommenden Monate zu beziehen und alleine zu sein. Anja wartet sicherlich auf erste Berichte meines neuen Umfeldes in Barcelona.

„Ist das die Wohnung?“ Kaum habe ich gefragt, komme ich mir blöd vor. Die Wohnungstür ist schließlich die einzige in diesem Stockwerk. Ungewöhnlich, wo doch das Haus von außen so riesig scheint.

Jordi zückt ein Schlüsselbund und beginnt, die drei in der schweren Holztür eingelassenen Schlösser zu entriegeln. Dabei plappert er etwas auf Spanisch, von dem ich nur die Hälfte verstehe. Es hat sicherlich mit der Funktion der Verriegelung zu tun. Ich frage nicht nach. Mit ein paar Schlössern werde ich schon klarkommen.

Jordi stößt die Tür auf und mir stockt der Atem. Vor mir liegt ein viereckiger Raum, der aussieht wie der Salon in einem französischen Schloss. Einem morbiden Schloss, korrigiere ich mich im Stillen. Der mittelblaue Putz an den Wänden blättert stellenweise ab und entblößt mehrere Schichten anderer Farbtöne. Darunter wunderschöne Fetzen von Tapetenmustern des Modernisme, der katalanischen Strömung des Jugendstils. Die üppigen Stuckverzierungen an der Decke sind teilweise durch weißlackierte Holzstücke ausgebessert. Am eindrucksvollsten ist das Muster der rissigen Zementfliesen auf dem Fußboden. Genau solche Fliesen hatte ich mir immer für eine Küche gewünscht. Weniger rissig, versteht sich. Jordi räuspert sich und ich tauche aus meinen Gedanken auf. Ich betrete die Wohnung. Er stellt den Koffer ab und verschwindet durch eine der beiden großen Flügeltüren, die links und rechts von dem Zimmer abgehen. Er winkt mir ungeduldig zu. Verzaubert, als würde ich durch ein Feenschloss gehen, folge ich ihm, wobei ich alle Details gierig aufsauge. Wie Perlen an einer Kette reiht sich Durchgangszimmer an Durchgangszimmer. Jeder Raum ist in einem anderen Farbton gehalten und weist ein anderes Muster an Fliesen auf. Das Geräusch meiner klackernden Absätze hallt durch die hohen Zimmer. Die Möblierung ist spärlich. Kein Vergleich zu meiner Wohnung, in der jeder Quadratmeter belegt ist. Dennoch wirkt es nicht ungemütlich. Die zusammengewürfelten Möbel sind wohl Unikate vom Flohmarkt. Möglicherweise waren sie teuer und tun nur so, als hätten sie Patina. Der angesagte Shabby Chic. Bei dem Gedanken entfährt mir ein erstauntes Kichern. Meine Einrichtung in Wuppertal stammt in erster Linie von einem schwedischen Möbelhaus. Nicht besonders individuell. Andererseits bin ich da in millionenfacher Gesellschaft.

Zu beiden Seiten säumen bodentiefe Fenster die Wände und ich erspähe eine große Platane, die in einem Innenhof steht. Der Blick durch zur Straßenseite bleibt wegen der zugeklappten Läden verborgen. Der dritte Raum ist offensichtlich die Küche. Jordi öffnet die Läden und Fenster und das hereinströmende Licht offenbart eine ungewöhnliche, aber zu meiner Erleichterung gemütliche Kücheneinrichtung: Bunte, antike Fliesen sind als Spritzschutz über einer dicken Eichenplatte angebracht, der man die jahrelange Beanspruchung ansieht. Von der Decke über dem großen Gasherd hängen Kochutensilien an einem Gitter. Neben einem Kühlschrank steht ein zerschlissenes grünes Biedermeiersofa vor einem rechteckigen Eichentisch. Darüber pendelt eine moderne Leuchte. Wow. In mir kribbelt es vor Aufregung. Alles ist so anders als in meiner adretten Wohnung in Deutschland. Aber war nicht genau das der Sinn dieses Experiments? Ich unterdrücke den Impuls, Fotos zu machen und die Aufnahmen sofort per Handy an Anja zu senden. Dazu würde ich später Gelegenheit haben.

Jordi deutet auf das Küchenfenster und redet von einem Perro. Moment! Perro heißt Hund, zu so viel reicht mein Spanisch. Hatte in der Wohnungsannonce nicht etwas von einer Katze gestanden? Bitte nicht! Ich mag Hunde, halte deren Haltung in einer Großstadt aber für Tierquälerei. Außerdem habe ich keine Lust und Zeit, jeden Tag ein paarmal den Hund Gassi zu führen. Das war so nicht abgemacht. Jordi grinst, als könne er mir den Missmut am Gesicht ablesen. Er nuschelt wieder einen Satz, in dem das Wort Perro vorkommt und zuckt mit den Schultern. Dabei deutete er auf einen Fressnapf, auf dem unverkennbar ein Katzenkopf abgebildet ist. Erleichtert stoße ich die Luft aus. Einen Augenblick ist es still. Jordi nickt.

„Vale? Okay?“, fragt er. Es ist gut zu wissen, mich bei Fragen jederzeit an ihn wenden zu können. Ich lächle zaghaft zurück.

„Vale!“

Ob er jetzt gehen würde? Wenige Minuten später fällt die schwere Wohnungstür ins Schloss und ich bin allein.

Plötzlich schlägt mir das Herz bis zum Hals. Endlich ist es so weit.

Ich bin hier. In Barcelona. Allein.

Die Euphorie währt kurz, dann wechselt dieses Gefühl in Panik. Allein.

Welcher Teufel hatte mich nur geritten, den sicheren Job als Friseurin aufzugeben, die eigene Wohnung unterzuvermieten, mich in den Flieger zu setzen und hier zu landen? Ich räuspere mich und das Geräusch hallt in der großen Küche nach. Tief Luft holen!

Es hilft nicht! Hastig krame ich nach einem angefangenen Schokoriegel in meiner Handtasche und beiße ein großes Stück ab. Sogleich fühle ich mich zuversichtlicher.

„Dann wollen wir mal!“ Das klingt sogar in meinen eigenen Ohren kläglich. Diese Wohnung hat einfach gigantische Ausmaße. Besonders ist, dass sie einmal um den Innenhof herumführt. Meine kleine Dachgeschossbude zu Hause passt schätzungsweise dreimal hier hinein. Was ist das nur für ein Typ, der hier wohnt? Wohnt er überhaupt allein? Bislang hatte ich keine weiblichen Accessoires entdeckt. Nein. Hier wohnt eindeutig ein Mann.

Herzlich war er allerdings nicht. Ich erinnere mich an die Emails, nachdem ich in einem Internetportal für möblierte Wohnungen zu einer phänomenalen Miete das Piso in der Altstadt gefunden und den Vermieter kontaktiert habe. Daniel de Berengar i Maragalls englische Nachrichten waren kurz und knapp gehalten, beschränkten sich auf die wesentlichen Informationen. Außerdem ließ er durchblicken, die Wohnung nur ausnahmsweise zum Dumpingpreis zu vermieten, wo sie so viel mehr wert sei. Was sollte das? Entweder, er bot sie zu diesem Preis an oder er ließ es sein. Selbst schuld, wenn man spontan auswärts einen Job annahm, was er als Begründung für das Schnäppchen angegeben hatte.

Jetzt, wo ich in diesem Palast stehe, kann ich seine Bemerkungen erstmals nachvollziehen.

Ich rolle den Koffer in eines der Schlafzimmer durch das ich bei Jordis Besichtigungstour gekommen bin.

Es gibt zwei Schlafzimmer in der Wohnung. Ein in zarten Orangetönen gehaltener viereckiger Raum, der offensichtlich das Gästezimmer ist. Und dann ein riesiger rechteckiger Raum mit einem Balkon hin zum Innenhof. Das Zimmer unterscheidet sich von allen anderen: es ist weiß getüncht, während die Decke samt Stuck in einem leuchtenden Blau gestrichen ist. Der Raum wird beherrscht von einem breiten Himmelbett ohne Vorhänge, dessen hölzerne Pfosten aus Kirschbaumholz gen Decke ragen. Lichte Leinenfahnen an beiden Fensterseiten nehmen dem Zimmer die Strenge. Jetzt bin ich mir sicher. Das Zimmer ist eindeutig maskulin. Ein Fakt, der mich dazu bringt, mich gegen das Gästezimmer zu entscheiden. Schließlich will ich alles ändern.

Irgendetwas an dem Zimmer spricht mich an. Ich fühle mich instinktiv wohl. Auf einem antiken Tischchen neben dem Bett stapeln sich Bücher, deren katalanische Titel ich neugierig studiere. Den Covern nach Thriller oder Blutrünstigeres. Natürlich befindet sich kein einziger Liebesroman darunter. Typisch Mann. Gut, dass mein eReader vollgepackt mit Schmachtschnulzen ist.

Über die gesamte Wand hinter dem Bett ist eine Leine gespannt, an der an metallischen Schließen etwa zehn Schwarz-Weiß-Aufnahmen hängen. Bei näherem Hinsehen stellen die Motive zufällige Straßenszenen dar. Vermutlich in dem Viertel hier aufgenommen, denn ich erkenne die Art-Deco-Fassade eines kleinen Blumenladens wieder, an dem ich zuvor mit dem Taxi vorbeigekommen bin. Ob die Fotos von Daniel stammen? Möglich ist es. Hat er nicht gesagt, er sei beim Film? Der Fotograf hat auf jeden Fall ein gutes Auge dafür, die friedliche Stimmung der durch den Ort verbundenen Menschen rüberzubringen. Wenn ich auch sonst noch nicht viel in meinem Leben zustande gebracht habe, mit Kunst kenne ich mich aus. Denn vor gefühlten hundert Jahren habe ich alles gezeichnet, was mir vor die Nase kam und hatte einen Traum.

Das war, bevor mich Leon davon überzeugt hat, im sicheren Friseurjob im Salon meiner Mutter zu bleiben, um mich an der Miete beteiligen zu können. Rasch verdränge ich die unliebsame Erinnerung und das Bedauern über die verschwendete Lebenszeit. Es zählt das Jetzt. Und ab jetzt würde ich alles grundverschieden machen.

Bei dem letzten Foto stutze ich. Anders als die Abbildungen davor handelt es sich um ein Portrait von zwei Männern, die sich umarmen und in die Kamera lachen. Mein Blick saugt sich an den Gesichtern der beiden fest. Das Bild strahlt eine solche Lebensfreude und Vertrautheit aus, dass ich mir unwillkürlich ans Herz fasse. Wer das sein mag? Die beiden sehen aus wie Brüder. Dieselbe Statur: schlank und breitschultrig. Dasselbe Lächeln, bei dem sich der Mund breit, fast bis hin zu den Ohren zieht und das die Augen leuchten lässt. Attraktive Männer. Ein aufgeregtes Prickeln, wie von einem Schwarm Schmetterlinge, breitet sich in meinem Bauch aus. Ob einer der Männer Daniel, mein Vermieter, ist?

Wohl der mit oder der ohne Vollbart? Vielleicht könnte ich Jordi fragen.

Eigentlich geht es mich nichts an. Ich löse mich von dem Foto, hole tief Luft und besinne mich auf den Kofferinhalt. Ich entnehme die gerahmte Aufnahme, die Leon und mich in unserem letzten gemeinsamen Urlaub vor zwei Jahren in der Türkei zeigt. Mühsam schlucke ich den Kloß hinunter, der sich bei der Erinnerung an die glückliche Zeit in meinem Hals bildet und stelle das Foto auf den zweiten Nachtschrank, der aus einem antiken Koffer besteht.

Nebenan befindet sich ein schmales Ankleidezimmer. Offenbar ist Daniel nicht davon ausgegangen, dass ich sein Schlafzimmer wähle, ansonsten hätte er Platz in den Regalen gelassen. Ich verziehe mein Gesicht. Rigoros schichte ich einige seiner Klamotten um. Ein intensiver Duft steigt mir in die Nase, der von dem T-Shirt ausgeht, das ich gerade in der Hand halte. Derselbe Geruch hängt in der Wohnung. Mit einem verbotenen Kribbeln im Bauch schnuppere ich an dem T-Shirt. Hm! Würzig, nach Mann, duftet es. Mein Exfreund Leon riecht auch nach dem Aftershave, das ich ihm regelmäßig zum Geburtstag geschenkt habe. Aber dieser Duft ist anders. Subtiler. Ich kann kaum genug von diesem Geruch bekommen und vergrabe meine Nase in dem Stoff. Unvermittelt kommt mir das Bild des bärtigen Bruders in den Sinn. Als mir ein verträumtes Seufzen entfährt, erschrecke ich über mich selbst. Was tue ich hier? Schnüffle an fremden Sachen. Und dann noch an gebrauchten T-Shirts. Eklig. Ich sehe mich um und entdeckte einen Wäschekorb, in dem ich das Shirt, das ich jetzt wie ein totes Insekt halte, versenke.

Endlich beginne ich, meinen Koffer auszuräumen. Hänge ordentlich Kleider und Blusen auf die Bügel neben seine Hemden. Viele Klamotten habe ich nicht mitgenommen. Hauptsächlich bequemes Zeug. Wie habe ich den gediegenen Friseursalonlook satt!

Kleidergeschmack scheint der Typ zu haben. Jedenfalls sind keine Hawaiihemden oder Rentierpullis zu entdecken. Wieder erliege ich der Versuchung und halte eine seiner Hosen vor mich hin. Er ist groß. Der Hosenlänge nach muss er mindestens 1,85 m groß sein. Sehr ungewöhnlich für einen Spanier, oder? Ein merkwürdiges Gefühl, derart in den Sachen einer fremden Person zu stöbern.

Jedenfalls alles andere als langweilig.

Zunächst hatte ich vorgehabt, in ein Apartmenthaus zu ziehen. Aber die Wohnungen wirkten auf den Fotos im Internet karg und unpersönlich. Ein Hotel war unbezahlbar. Anja hat mich auf die Idee gebracht, es über eine dieser Seiten zu probieren, über die private Vermieter ihre Wohnungen annoncieren. Schon der Werbeslogan, mich wie zuhause zu fühlen, hat etwas in mir berührt. Und wie es scheint, habe ich mit Daniels Wohnung einen echten Volltreffer gelandet.

Nachdem alles verstaut ist, verteile ich meine Utensilien im Badezimmer. Auch hier kann ich mir nicht verkneifen, in den Wandschrank zu linsen. Ein schaurig schönes Gefühl, in einer fremden Wohnung zu sein, in der fast alle Gegenstände des Vermieters zum Schnüffeln einladen. In meiner Wohnung habe ich die persönlichsten Sachen in eine Kiste gepackt und bei meiner Mutter geparkt. Mir wird allein bei dem Gedanken mulmig, wenn ich daran denke, dass diese Silke, die gerade bei mir wohnt, meine Buchsammlung durchstöbert und in meiner Kramschublade wühlt.

So wie ich es bei Daniel tue.

Ich entdecke einen Langhaarschneider. „Ha, doch der Bärtige!“, entfährt es mir.

Wenig später dusche ich mir den Reisestaub vom Körper. Besser gesagt: Stilecht stehe ich hinter dem Duschvorhang in der Emaillewanne mit den Löwenfüßchen und versuche vergeblich, dem antiken Duschkopf mehr als das klägliche Rinnsal lauwarmes Wasser zu entlocken. Das sind die Abstriche, die ich wohl für das Altbauflair machen muss. Neben der Dusche ist ein Ganzkörperspiegel angebracht, der leider nicht beschlagen ist, als ich mein eigenes Spiegelbild umständlich aus der Wanne klettern sehe. Mist! Seufzend drehe ich mich seitlich zum Spiegel und versuche den Bauch einzuziehen. Missmutig kneife ich in den Rettungsring um die Hüftpartie. Das war eindeutig zu viel Frustessen im letzten Jahr. Immerhin bilde ich mir ein, meine Brüste würden noch den Bleistifttest bestehen! Und diese vollen Wangen nerven seit jeher. Pausbäckchen, wie sie mein Vater liebevoll genannt hat, bevor er reinzwickte, und die auch nach der Pubertät nicht verschwunden sind. Ich sauge das Wangeninnere leicht an und seufze. Wie hübsch ich aussähe mit Hohlwangen. Sobald ich die Rundungen unter dem Handtuch verberge, verfliegt der Frust. Ab heute wird alles besser! Ich würde schließlich nicht mehr den Tag auf vierzig Quadratmeter verbringen und die einzige Abwechslung wäre das schwere Essen meiner Mutter mit dem Trost-Nachtisch. In meinem neuen Leben will ich agiler sein! Ins Handtuch gewickelt, gehe ich durch die Wohnung und schieße mit dem Handy Fotos, die ich an Anja versende. Prompt klingelt sie durch.

„Ist der Typ reich, oder was?“ Ich lache. Gott tut es gut, die Stimme meiner besten Freundin zu hören, die ich heute Morgen am Düsseldorfer Flughafen tränenreich verabschiedet habe.

„Keine Ahnung. Soweit ich weiß, ist er Fotograf oder Kameramann für spanische Filmproduktionen. Vielleicht gibt es solche Wohnungen in Barcelona für wenig Geld. Warte mal einen Moment.“ Ich wechsle zu Facetime und gebe Anja eine Live-Führung durch mein Luxusdomizil. Bei jedem Begeisterungskreischen von Anja vermisse ich sie ein Stück mehr. Ich kann nicht widerstehen und halte die Handykamera vor das Foto der sich umarmenden Brüder neben meinem Bett. „Wow. Sag bloß, dein Vermieter ist einer von diesen Hotties?“ Ich grinse breit. „Ich weiß es nicht. Aber es macht Spaß, sich das vorzustellen. Außerdem ist er sowieso nicht da. Wer weiß, ob ich ihn je persönlich kennenlerne.“

„Ach Lucy, wie ich dich beneide. Du musst dich wie eine Prinzessin fühlen. Ich wäre so gerne dabei.“ Sie kreischt, als mein Handy ihr nach einem Schlenker die andere Seite des Bettes zeigt.

„Lucy, hab ich das richtig gesehen? Das ist nicht dein Ernst! Nimm sofort das Foto von diesem Idioten weg.“ Ertappt beiße ich mir auf die Lippen. Mist. Anja hasst Leon. „Ist gut.“ Ergeben nehme ich den Bilderrahmen und stecke ihn unter Aufsicht der Handykamera zurück in meine Reisetasche. „Zufrieden?“

„Braves Mädchen. Ich hoffe, da bleibt der Mistkerl auch. Am besten verbrennst du das Bild. Lass dir bloß nicht dein neues Leben von dem versauen. Das hat er schon die letzten sieben Jahre gemacht.“ Ich seufze.

„Deswegen bin ich ja jetzt hier“, versuche ich, das Thema zu wechseln.

„Erzähl: Was hast du heute noch vor?“ Das Thema Leon scheint abgehakt. Ein Segen!

„Also, ausgepackt habe ich alles. Ich weiß nicht. Ich sollte einkaufen, um die Vorräte zu füllen.“ Wie aufs Stichwort knurrt mein Magen. Vor Aufregung habe ich heute noch nicht viel runterbekommen.

„Kauf dir Wein und stoß mit dir selbst an, wenn ich schon nicht dabei bin.“

„Werde ich machen. Kaum zu glauben, dass ich heute Morgen noch in Deutschland war. Es kommt mir vor wie ein ganz anderes Leben.“ Anja lacht.

„Aber genau das soll es doch sein. Du wirst sehen, es wird ganz wunderbar. Die tolle Wohnung ist erst der Anfang. Wann geht der Sprachkurs los?“

„Erst am Montag. Ich habe also noch zwei Tage Zeit, mich einzugewöhnen.“

„Du, ich muss aufhören. Die Sieber guckt wieder so grimmig. Nicht, dass die mich bei deiner Mutter verpetzt.“

„Bin ich froh, dass ich da raus bin“, lache ich. Ja, das bin ich wirklich!

Die Erleichterung hält nicht lange an. Nachdem ich aufgelegt habe, steigen mir Tränen in die Augen. Bin ich froh, meinen Job geschmissen zu haben um arbeitslos in einem fremden Land zu stranden? Plötzlich vermisse ich sogar die blöde Kollegin Sieber mit ihren ständigen Sticheleien. Nur Anja hatte mich im letzten Jahr vor dem Durchdrehen bewahrt.

Anja! Sehnsucht hoch zehn. Sofort wähle ich wieder ihre Nummer. Meine beste Freundin kennt mich gut. Bevor ich den Mund öffne, sagt sie:

„Lucy, glaube mir, es ist die richtige Entscheidung gewesen.“

 

 

Eindrücke

 

 

„Probieren Sie, Señorita. Probieren Sie!“ Ich schaue entgeistert auf die Saugnäpfe des Oktopusses, den mir der Markthändler entgegenhält. Lächelnd winke ich ab und deute als Erklärung auf meine gut gefüllten Einkaufstüten. Ich habe in der trubeligen Markthalle La Boquería mehr Essen eingekauft, als ich jemals alleine verputzen kann. Aber die Stände mit ihren bunt aufgetürmten Köstlichkeiten, die Gerüche, die Farben und das charmante Werben der Marktschreier sind zu verlockend gewesen. Verträumt habe ich mich durch das Marktgewusel treiben lassen, viel genascht und jeden Moment genossen. Das ist jetzt mein neues Leben, mein neues Viertel! Kein Vergleich zu dem langweiligen Supermarkt in meiner Straße in Wuppertal.

Der Nachmittag vergeht wie im Flug, und ich fühle mich jetzt schon ein bisschen wie eine Einheimische. Beschwingt mache ich mich auf den Heimweg. Las Ramblas, die berühmte Touristenmeile von Barcelona, von der intensives Vogelgezwitscher und die Rufe der Straßenkünstler zu mir wehen, lasse ich rechts liegen. Schließlich bin ich keine Touristin. Als ich in die Carrer del Pintor Fortuny, die Straße, in der die Wohnung liegt, einbiege, fällt mein Blick auf einen kleinen Laden. Das ist doch dieser Blumenladen, der mir schon bei der Anfahrt aufgefallen ist und den mein Vermieter Daniel eines Fotos für würdig gehalten hat. Neugierig trete ich näher. Rechts und links von der Eingangstür zeigen nach Modernisme-Art gewölbte und mit verschnörkelten Holzrahmen eingefasste Glasfenster den Weg ins Innere des Ladens, in dessen Schaufenster bauchige Blumenvasen stehen. Ehe ich es bewusst steuern kann, betrete ich unter dezentem Gebimmel der Türglocke das Geschäft. Hier ist es kühl und ruhig. Der Duft von Blumen hängt schwer im Verkaufsraum.

„Ich bin gleich da! Einen Moment.“ ruft eine Stimme hinter einem Bastvorhang. Zufrieden stelle ich fest, dass mein Spanisch sich im Laufe des Tages schon auf wundersame Weise verbessert hat. Mein Blick fällt auf einen Stapel Flyer der neben einer antiken Registrierkasse auf dem Verkaufstresen steht. Es ist Werbung für einen Flamenco-Kurs, der bald beginnen soll. Ich vertiefe mich in das Bild einer anmutigen Frau in typischer Flamenco-Pose. Wie mir wohl ein Flamencokleid stehen würde? Ob das etwas für mich wäre? Musste man Flamenco nicht von Kindheit an tanzen, um die Schrittfolgen zu verinnerlichen? Außer einem Tanzschulbesuch mit dreizehn, an den ich mich lieber nicht erinnere, habe ich noch nie getanzt.

„Maria-Rosa ist eine exzellente Lehrerin.“ Ich zucke zusammen, da ich nicht mitbekommen habe, dass die Blumenverkäuferin aus dem hinteren Raum getreten ist. Hastig lege ich den Flyer zurück auf den Stapel und lächle die hübsche Frau entschuldigend an.

„Ich ... ich kann überhaupt nicht tanzen.“

„Ein Grund mehr, Unterricht zu nehmen. Ich war schon in einem Kurs bei ihr. Wie gesagt, Maria-Rosa ist super. Die hat schon den hoffnungslosesten Fällen Rhythmusgefühl beigebracht. Ich bin übrigens Maite.“

Ich verstehe zwar nur die Hälfte der Worte aber Maite ist mir sofort sympathisch. Zeit für meinen Spruch:

„Buenas tardes. Ich bin Lucy Seidel und komme aus Deutschland.“ Maite blickt mich einen Moment verblüfft an und bricht dann in schallendes Gelächter aus. Das Lachen ist so ansteckend, dass ich prustend einfalle.

„Heute ist mein erster Tag. Der Sprachkurs beginnt erst am Montag“, zucke ich entschuldigend mit den Schultern.

„Ist schon okay. Das war gar nicht schlecht. Du hast eine gute Aussprache, Lutsi.“ Maite unterstreicht ihren Satz mit vielen Gesten. Überhaupt macht sie einen aufgeweckten Eindruck. Sie sieht aus wie eine typische Spanierin. Zierlich, braune Augen und gelocktes dunkles Haar. Ich schmunzle, als sie Probleme hat, meinen Namen korrekt auszusprechen.

„Ist es okay, wenn ich dich Lucía nenne?“

„Klar, mehr als okay. Hört sich richtig Spanisch an.“ Sie nickt zufrieden.

„Wie lange geht der Sprachkurs, also wie lange bleibst du in Barna?“

„Barna?“

„Barna ist die Abkürzung von Barcelona“, erwidert Maite vergnügt meine Gegenfrage.

„Ach so. Bis kurz vor Weihnachten.“

„Wow. Das möchte ich gerne. So lange in eine andere Stadt, um eine Sprache zu lernen. Musst du nicht arbeiten?“ Ich schüttle den Kopf. Außerdem weiß ich nicht, was: „mein Freund hat mich verlassen, weil ich zu langweilig war, also habe ich meine Sachen gepackt“ auf Spanisch heißt.

„Ich brauche eine Auszeit. Da meine Mutter meine Chefin ist, war das kein Problem.“ Maite hebt ihre Brauen.

„Ah. Cool.“ Sie grinst. Einen Moment schweigen wir beide. Nicht unangenehm. Maite zeigt auf die Blumenvasen.

„Bueno, was kann ich für dich tun?“ Ich erinnere mich, dass ich ursprünglich wegen der Blumen hier war.

„Ich bin heute angekommen und wohne in einer großen Wohnung. Ich dachte mir, ein Strauß Blumen macht es mehr zu meinem Zuhause.“ Maite hat mir geduldig zugehört, obwohl ich eine gefühlte Ewigkeit für den Satz gebraucht habe.

„Wo ist denn deine große Wohnung?“

„Hier in der Straße. In dem Eckhaus. Gegenüber der Bar.“ Maite klappt der Mund auf.

„Du wohnst in dem Eckhaus? Doch nicht etwa bei Daniel?“ Verblüfft nicke ich.

„Doch, genau“

Maite strahlt begeistert, nur um im nächsten Moment theatralisch zu seufzen:

„Ach, Daniel! Que hombre. Was für ein Mann! Du hast ihn dir geangelt, eh?“ Sie boxt mich spielerisch in die Seite und zwinkert vielsagend. Sofort laufe ich rot an. Warum, weiß ich gerade selbst nicht. Dieser Daniel scheint nicht leicht zu angeln zu sein und seltsamerweise fühle ich mich geehrt, dass Maite mir zutraut, es geschafft zu haben.

„Ähm. Ich kenne Daniel überhaupt nicht. Er hat mir die Wohnung vermietet. Jordi hat mir den Schlüssel gegeben. Daniel war schon weg. Er ist in Sevilla. Arbeiten.“ Innerlich verzweifele ich an meinem schlechten Spanisch, das mir nur einfache Sätze erlaubt. Sonst spreche ich immer viel zu schnell, um alle Gedanken rasch hervorzubringen. Merkwürdig: vorher ist mir nie aufgefallen, wie die Art zu sprechen meinen Charakter widerspiegelt.

„Jordi also.“ Maite runzelt die Stirn. Ihre umwölkte Miene hält mich davon ab, weiter von Jordi zu sprechen. Maite beginnt, einzelne Blumen aus den Vasen zu pflücken und bindet sie zu einem langstieligen Strauß zusammen, den sie mir überreicht.

„Hier. Die schenke ich dir als Willkommensgruß.“ Ich bin überwältigt.

„Der ist wunderschön. Aber, das kann ich doch nicht annehmen.“ Maite lächelt spitzbübisch.

„Du kannst ja den nächsten Strauß bezahlen. Und mich zu einem Cortado einladen. Der Laden ist montags geschlossen. Aber am Dienstag mache ich um ein Uhr Mittagspause. Komm doch in die Bar bei deinem Haus.“

Ich grinse. Das nenne ich geschickte Kundenbindung. Zum Glück weiß ich aus dem Spanisch-Lehrbuch, dass Cortado eine Art Espresso mit ein wenig Milch ist.

„Einverstanden. Bis Dienstag um eins. Dein Cortado geht auf mich.“ Ich nehme die Einkaufstaschen und den Blumenstrauß und nicke zum Abschied. Bevor die Tür hinter ihr mir ins Schloss fällt, höre ich Maite rufen:

„Und überleg dir das mit Maria-Rosa! Flamenco ist toll.“

Beschwingt trage ich die Einkäufe in den vierten Stock. Ich verzichte bewusst auf den Aufzug. Die Speckrolle verflüchtigt sich schließlich nicht von alleine. Und der Lift ist nicht gerade vertrauenserweckend. Ich bin erfüllt von den Eindrücken des ersten Ausflugs in meinem neuen Quartier. Wie es scheint, habe ich eine Freundin gefunden.

Oben angekommen, fische ich den Schlüsselbund aus der Tasche. Nach einer gefühlten halben Stunde und viel Gefluche gelingt es mir endlich, die Tür zu öffnen. Hätte ich Jordi doch besser zugehört. Anscheinend müssen die Türschlösser in einer bestimmten Reihenfolge geöffnet werden. Schweißgebadet hieve ich die Einkäufe in die Küche und verstaue sie im Kühlschrank, vor dessen geöffneter Tür ich die nächste Stunde verbringen könnte. Maites Strauß stelle ich in einen fleckigen Tonkrug auf den Küchentisch. Wunderschön! Im Tiefkühler finde ich Eis und gieße mir kurzerhand ein Glas Weißwein ein. Während ich die Würfel im Glas schwenke, trete ich auf den kleinen Austritt vor dem Küchenfenster.

„Prost Anja“, flüstere ich.

Die Sonne geht langsam unter. Die klobigen Kästen der Klimaanlagen vor den Fenstern surren konstant. Durch die Straßenschlucht dringen die lebendigen Geräusche der Bar zu mir herauf. Ein paar Häuser entfernt hängt eine Frau Hemden auf eine Wäscheleine, die quer über die Straße zur gegenüberliegenden Hauswand gespannt ist. Die Szene hat etwas sehr Ursprüngliches. Als sie mich entdeckt, winkt sie mir fröhlich zu. Das Glas hebend, grüße ich zurück. Es riecht nach Großstadt. Ein wenig nach Müll, gebratenem Olivenöl und Asphalt. Ich bilde mir ein, dass auch etwas salzige Seeluft dabei ist. Das Meer ist schließlich nicht weit. Nur ein Stück die Ramblas hinunter. Ein jähes Glücksgefühl wallt in mir auf. Das ist meine Stadt. Obwohl es der erste Tag gewesen ist, habe ich mich bereits in Barcelona verliebt. Alles ist perfekt: die Markthalle, Maites Blumenladen, diese riesige Wohnung nur für mich alleine, das teeniehafte Schwärmen für den attraktiven Bärtigen auf dem Foto. Ich schnalze mit der Zunge.

Daniel. Ich hätte Maite fragen sollen, ob er einen Vollbart trägt.

Jetzt kann ich das Treffen am Dienstag mit ihr erst recht kaum erwarten.

 

 

 

Gestatten, Perro

 

 

Ein Poltern schreckt mich aus dem Schlaf. Sofort bin ich hellwach und lausche angestrengt in die Dunkelheit. Habe ich nur geträumt? Jäh zerreißt der Laut zerspringenden Glases die Stille der Wohnung. Instinktiv zerre ich das Bettlaken höher. Mein Herz pocht vor Furcht. Wer ist da? Hier in der verwinkelten Wohnung in der fremden großen Stadt. Hört überhaupt jemand meine Schreie, wenn ich hinterrücks gemeuchelt würde? Kalter Schweiß bricht mir aus.

Ein herzzerreißendes Miauen erklingt. Erleichtert stoße ich die Luft aus, die ich unbewusst angehalten habe. Das muss Daniels Katze sein. Ich knipse das Licht auf dem Nachtschrank an. Die beiden Brüder auf dem Foto schmunzeln mir entgegen.

„Deine Katze hat mich ganz schön erschreckt!“, zwinkere ich dem Bärtigen zu.

In der Küche treffe ich auf ein Katzenwesen, das verstört auf der Holzarbeitsplatte steht. Ich vermute, dass es durch den unteren Teil des Fensters, bei dem die Scheibe entfernt ist, die Wohnung betreten hat. Gestern war mir der schmale Holzsteg aufgefallen, der vom Küchenfenster im Zick-Zack die Balkone des Hauses hinunterführt. Der Blick des Tieres huscht zwischen mir und den Scherben des Weinglases auf dem Küchenboden hin und her. Behutsam strecke ich dem Kater die Hand entgegen.

„Hey, du musst Perro sein. Hast du dich erschreckt?“ Als das Tier seinen Namen vernimmt, hört es auf zu zittern und nähert sich zutraulich. Wenig später schmiegt es sich gegen meine Hand. Nicht nur die Katze freut sich über Gesellschaft.

„Na, du bist ja ein Schöner! Ganz das Herrchen, wie?“ Ich kraule Perro unterm Ohr. Ein wohliges Schnurren setzt ein, das mich schmunzeln lässt.

„Ich verstehe zwar nicht, warum um alles in der Welt du Hund heißt, aber vermutlich hast du Hunger.“ Ich erinnere mich, wo Daniel das Katzenfutter verstaut und erhebe mich. Sofort streicht mir Perro erwartungsvoll um die Beine. Ich öffne die Vorratskammer neben der Küche. Auf dem Boden stehen drei dicke Säcke mit Katzenstreu und in einem Regal stapeln sich mehrere Paletten Katzenfutter. Daniel hat mir wohl nicht zugetraut, dass ich selbst Futter für sein Tier besorgen könnte. Je länger ich darüber nachdenke, desto rührender finde ich, wie er sich um den Kater sorgt.

„Geduld, du bekommst ja gleich etwas.“ Nachdem ich eine übelriechende Masse aus einer Konserve in das Tontöpfchen geleert habe, sehe ich dem Tier zu, wie es sinnlich schmatzt. Dann fege ich die Scherben zusammen.

Wieder im Schlafzimmer, ist an Schlaf erst einmal nicht zu denken. Ich blinzle auf Perro, der zusammengerollt am Bettende neben meinen Füßen liegt. Vergeblich habe ich versucht, den Kater aus dem Bett zu scheuchen, bis ich es aufgegeben habe. Tadelnd blicke ich zu dem Foto.

„Tze, tze. Das scheint mir ein verwöhnter und verzogener Junggesellenclub zu sein.“ Stoisch hält der bärtige Bruder meinem Blick stand. Wieder verliere ich mich in seinen dunklen, lachenden Augen. Ein wohliges Gefühl durchströmt mich und auf einmal fühle ich mich geborgen.

Ich greife nach meinem eReader, um den begonnenen Liebesroman fortzusetzen. Die Geschichte einer deutschen Aussteigerin in Südfrankreich, die sich gerade in den geheimnisvollen Gärtner verliebt hat. Genau mein Thema. Genüsslich seufzend verschlinge ich Seite um Seite. Zwischendurch ruht mein Blick abwechselnd auf der schlafenden Katze und dem lächelnden Daniel. Falls er es denn ist. Das neue Leben macht Spaß und ist definitiv die richtige Entscheidung gewesen.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist Perro fort. Gähnend recke ich mich und bin trotz des nächtlichen Zwischenfalls wunderbar ausgeschlafen. Der Tag kann kommen!

 

Der Kaffee blubbert auf der Gasflamme hoch und ich gieße mir eine große Tasse ein. Dann stelle ich mich an meinen neuen Lieblingsplatz auf den Küchenbalkon. Die Straße wirkt im Morgenlicht anders. Während ich an der heißen Flüssigkeit nippe, beobachte ich eine Gruppe adrett gekleideter Schulmädchen, die schnatternd über den Asphalt laufen, vermutlich auf dem Weg zur Sonntagsschule. Eine auffallend schöne Frau eilt die Carrer del Pintor Fortuny entlang und teilt die Mädchengruppe wie Moses das Meer. Sie hat Modelmaße und trägt ein rot-blau-kariertes, kurzärmeliges Kleid. Obwohl ihre Absätze sicherlich zehn Zentimeter hoch sind, schwebt sie über den Boden. Voller Neid auf die natürliche Eleganz seufze ich und denke stirnrunzelnd an meine eigenen Gehversuche auf High Heels, bei denen akuter Bänderrissalarm besteht. Die Frau verschwindet um die Straßenecke und meine Aufmerksamkeit richtet sich auf den Kellner der Bar gegenüber, der einen Herrn an einem der Tische draußen bedient. Wie freue ich mich auf die Verabredung übermorgen mit Maite.

Ich nehme noch einen Schluck Kaffee, als ein kurzer, schriller Ton aus dem Wohnungsinneren erklingt. Ist das die Türklingel? Wer kann das sein? Ich stelle meine Tasse ab und stehe wenig später ratlos vor der Gegensprechanlage.

„Hola?“ frage ich in das Gerät und hoffe, den richtigen Knopf erwischt zu haben.

Es antwortet niemand. Ob sich eines der Schulkinder einen Klingelstreich erlaubt hat?

Gerade als ich mich achselzuckend abwende, hämmert es an die Wohnungstür. Vor Schreck bleibt mir fast das Herz stehen.

„Daniel. Hier ist Inma. Öffne. Ich weiß, dass du da bist!“ Ich schiele durch das Guckloch und erkenne passend zur Stimme einen weiblichen Haarschopf.

Hätte ich gewusst, was ich mir damit antue, hätte ich die Tür nicht geöffnet. Vor mir steht die wunderschöne Frau, die ich soeben beobachtet habe. Von Nahem sieht sie, falls das überhaupt möglich ist, noch atemberaubender aus. Neidvoll schiele ich auf das schwarze seidig-glänzende Haar, das in einen Bilderbuch-Chignon im Nacken zusammengenommen ist. Einzig die ärgerlich zusammengekniffenen Augen und die gerunzelte Stirn stören die Perfektion.

Rüde werde ich zur Seite gedrängt, als die Frau die Wohnung stürmt.

„Wer sind Sie denn? Wo ist Daniel?“ Was sind das bitteschön für schlechte Manieren? Das kann ich ja nun gar nicht ab. Wie gut, dass ich durch meine Arbeit im Salon jahrelang trainiert habe, mit missmutigen Kunden umzugehen. Da hilft der höfliche Lotuseffekt: alles an sich abperlen lassen und sich auf keinen Fall auf die polemische Stufe des anderen hinabbegeben. Ich straffe mich innerlich, denn diese schöne Furie ist sicherlich ein harter Brocken. Immerhin ist sie innerhalb von Sekunden in den Tiefen der Wohnung verschwunden. Nicht mit mir! Hinterher!

Im Schlafzimmer treffe ich auf die Schönheit, die argwöhnisch das zerwühlte Bett beäugt.

Zeit für meinen Spruch: „Buenos días. Ich bin Lucy Seidel, komme aus Deutschland und wohne hier. Wie geht es Ihnen?“ Mist, der letzte Teil war mir rausgerutscht. Ich hatte eigentlich „Wer sind Sie?“ fragen wollen. Verblüfft starren die zornigen Rehaugen mich an.

„Ich frage jetzt ein letztes Mal: wo versteckt sich Daniel. DANIEL!?“ Bei dem Gekeife zucke ich zusammen.

„Daniel ist nicht hier. Ich habe die Wohnung gemietet. Er ist in Sevilla.“ Ein ungläubiges Schnauben entfährt der Frau. Sie scannt mich von oben bis unten mit einem Ausdruck, als handele es sich bei mir um ein ekelhaftes Insekt. Als sie sich unvermittelt vorneigt und ihr Gesicht nah an meines bringt, wird mir mulmig zumute. Vielleicht ist die Schönheit ja eine Psychopathin? Verschmähte Liebe – und darum handelt es sich offensichtlich – kann Menschen zu Mördern machen. Automatisch trete ich einen Schritt zurück.

Es folgt ein Redeschwall, von dem ich nur die Hälfte verstehe. Wie kann eine solch schöne Frau eine derart frostige Stimme haben? Sinngemäß filtere ich aus der Tirade der Eiskönigin heraus, dass diese mir kein Wort glaube, es ja wohl nicht Daniels Ernst sein könne, mit einer wie mir anzubändeln und er sich gefälligst umgehend bei ihr melden solle. Während die Frau ihren Frust an mir ablässt, realisiere ich drei Dinge: Erstens ist es lächerlich, einen kleinen Stich Eifersucht auf diese Frau zu spüren. Schließlich kenne ich bisher nur sein Foto und weiß noch nicht einmal genau, welcher von den Brüdern Daniel überhaupt ist. Ob diese Giftspritze mir das verrät? Zweitens gäbe sich Daniel ohnehin niemals mit mir ab, wenn er sonst solche Frauen ins Bett bekommt. Und drittens möchte ich nichts mit Männern zu tun haben, die anscheinend nur mit dem Schwanz denken und sich mit einer so unerträglichen Zicke einlassen.

Ein letzter eisiger Blick trifft mich, bevor die Eiskönigin auf dem Absatz kehrtmacht. Der Knall der zuschlagenden Wohnungstür reißt mich aus der Starre. Automatisch blicke ich zu dem Foto neben dem Bett.

„Was um alles in der Welt hast du Womanizer dieser Tussi angetan, dass sie sich derart aufführt?“ Daniel erwidert meinen Blick mit dem Mona-Lisa-Lächeln, das in dem Fall wohl das „Daniel-de Berengar i Maragall-Grinsen“ ist.

 

Den restlichen Sonntag streune ich durch Barcelona und spiele Touristin. Ich wandle auf den Spuren des Künstlers Gaudí, besichtige die Sagrada Familia und den Parc Güell. Schließlich schlendere ich den Passeig de Gràcia entlang, schlecke im Schatten der Platanen ein Eis und kann mich an den Prachtbauten, die den Boulevard säumen, kaum sattsehen.

In einer Tapasbar oberhalb der Plaça de Catalunya, die trotz des beschaulichen Sonntags rammelvoll ist, koste ich mehrere Gerichte. Bei zweien davon überlege ich, ob ich überhaupt wissen will, was genau verarbeitet worden ist. Es schmeckt herrlich. Das kurzzeitig schlechte Gewissen wegen meiner Speckrolle, spüle ich mit einem kühlen Bier, einer Caña, wie der Kellner es nennt, weg. Schließlich ist Sonntag.

Zurück in der Wohnung, kicke ich erschöpft aber glücklich die Sandalen von den Füßen und gehe summend in die Küche. Die kalten Fliesen sind eine Wohltat. Ich gieße mir ein Glas Wasser ein. Während ich darüber nachdenke, ob ich morgen früh zu Fuß oder mit der Metro zur Sprachschule gelangen soll, fällt mein Blick auf das Katzenklo, das dringend gereinigt werden muss. Ich werde nie verstehen, weshalb eine Katze, die draußen freien Auslauf hat, ausgerechnet im Haus ihr Geschäft macht. Seufzend stelle ich das Glas ab und mache mich ans Werk. Als ich einen der großen Säcke mit Katzenstreu aus der Kammer zerre, begrüßt mich Perro mit einem Miauen. Der Kater macht es sich auf einem der Küchenstühle gemütlich und sieht mir zu. Es wirkt, als wolle er sicherstellen, dass seine Dienerin alles richtigmacht. Belustigt schnaube ich.

„Hey Macho, bilde dir bloß nichts ein! Das mache ich nur, weil es im Mietvertrag steht.“ Unvermittelt springt Perro auf und streicht um meine Beine. Ich gerate ins Stolpern und stoße dabei den Sack um, dessen Inhalt sich bis in die letzte Ecke der Küche ergießt. Perro erschrickt und flüchtet wieder auf den Stuhl.

Ich kann ein deftiges Fluchen nicht unterdrücken, als ich die Berge von Katzenstreu auf dem Fußboden sehe. Die Hände in die Hüften gestemmt, fauche ich den Kater an. Ich spreche Spanisch und Katzisch!

„Sag mal, geht´s noch? Du denkst doch nicht etwa ich räume das auf?“ Nachdem Perro meinen Blick ausdruckslos erwidert, greife ich seufzend zum Kehrblech.

„Mein wichtigstes Utensil seit du aufgetaucht bist!“, grummele ich. Mit einem Male stutze ich. Aus dem ersten Haufen, den ich zusammengekehrt habe, blitzt ein metallischer Gegenstand hervor. Nachdenklich ziehe ich das verstaubte Ding aus dem Streu. Nachdem ich es unter Wasser abgespült habe, entpuppt es sich als funkelndes Schmuckband. Ich nehme an, dass es sich um eine Produktzugabe zum Katzenstreu handelt, wie ich es aus Cornflakes-Packungen kenne.

Was den Spaniern alles einfällt! Ich sehe den Moment für eine kleine Rache gekommen und nähere mich mit einem strahlenden Lächeln der Katze. „Was haben wir denn hier? Ein Katzenhalsband à la Aristocats. Da musst du jetzt durch, mein Lieber. Auch wenn dich alle Katzendamen der Umgebung für einen Tunten-Disco-Kater halten werden.“ Mit einer fließenden Bewegung liegt das glitzernde Band um Perros Hals, was dieser gar nicht komisch findet. Er flieht mit einem wütenden Miauen nach draußen, mein schallendes Gelächter im Nacken. 

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