LESEPROBE „CATCH ME, COWBOY 3 !

Herz aus Glas"

                                                                                                         

Empfang

 

„Mister Boman erwartet Sie Punkt fünf Uhr in seinem Büro, Grace.“

Ich starre auf das klebrig-süße Lächeln, das mindestens so falsch ist wie ihre Brüste. Was erwartet sie? Dass ich vor Schreck erstarre? Es brennt mir auf der Zunge, Dads Sekretärin darüber aufzuklären, mit wem sie es in Wahrheit zu tun hat. Meine Deckung fallen zu lassen, würde mir vermutlich noch mehr Ärger einbringen als mich in dem Termin heute mit ihm erwartet. Innerlich gehe ich durch, für welche meiner Versäumnisse ich heute eine Standpauke erhalten werde. Viel Energie verschwende ich allerdings nicht darauf. Jede Woche während meines bisher einmonatigen Praktikums am Empfang hat er mich zu sich zitiert, um mir jedes Mal einen laaaangweiligen Monolog über die Pflichten der Arbeitswelt zu halten, denen ich offenbar nicht ansatzweise gewachsen bin. Ich seufze und schiebe einige Papiere auf dem Desk zusammen, bis mir auffällt, dass Krystal Ward immer noch vor mir steht und anscheinend auf eine Antwort wartet. Als würde ich Neinsagen, wenn der Herr und Gebieter Jack Boman, derMusikproduzent Nashvilles, bei dem sämtliche Größen der Countryszene unter Vertrag sind, mich zu sich zitiert. 

Ich hebe fragend die Brauen. „Sonst noch etwas, Misses Ward?“

Ihr Mund verzieht sich, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Sie mag es nicht, wenn ich sie Misses nenne. Sie bevorzugt Miss, wen immer es auch interessiert, dass sie mit über vierzig nicht verheiratet ist. In welchem Jahrhundert lebt sie?

„Sie haben die Bluse falsch geknöpft. Das ist in Ihrer Position am Empfang inakzeptabel. Sie sind der erste Eindruck, den die Gäste von Boman & Clarke Musicbekommen. Mister Boman verlangt Perfektion.“

Mein Erscheinungsbild ist nicht das erste Mal Thema. Unsere Auffassung darüber ist sehr unterschiedlich. Insgeheim vermute ich, sie hat einen dieser Fessel-Liebesromane gelesen und würde lieber in einem Imperium aus Glas und Stahl à la Grey Industries arbeiten. Pech, Krystal!Das hier ist ein zweistöckiges Gebäude im Westernstil in der berühmten Music Rowvon Nashville. Der Raum, in dem mein Empfangsdesk steht, ist in den Achtzigerjahren stehen geblieben. Statt moderner Kunst hängen gerahmte Goldene Schallplatten an der Wand. Mir gefällt dieser Retrochic. Er passt zur Umgebung, zur Musik und zu den Künstlern, die zum Teil fast zur Familie gehören. Und mein Vater trägt nur in äußersten Notfällen ein Jackett. Was Krystal nicht davon abhält, so auszusehen, als wäre sie einem Sekretärinnen-Katalog entsprungen. Kann man in diesem Bleistiftrock überhaupt atmen? Dass in meinem Rücken hinter einer Trennwand die Schreibtische der Mitarbeiter beginnen, die alles andere als repräsentativ sind, blendet sie gern aus. Ich folge ihrem Blick, und tatsächlich: Ausgerechnet über meinen Brüsten habe ich in der Eile heute Morgen einen Knopf übersprungen. Hey, sie sollte dankbar sein, dass ich überhaupt eine Bluse trage und mir den Schlabberlook der ersten Woche abgewöhnt habe. Die Entschuldigung, dass ich nur verschlafen habe, weil ich vom Wohnzimmer aus den Wecker auf meinem Nachtschrank nicht hören konnte, wird sie nicht interessieren. Misses Ward sieht nicht wie die Art Freundin aus, die sich wie ich die Nacht auf dem Sofa um die Ohren schlägt, um ihre liebeskranke Mitbewohnerin zu trösten. Ich grinse bei der Vorstellung, wie Misses Ward der völlig aufgelösten Ally ein Kleenex nach dem anderen reicht und für stetigen Nachschub an Eiscreme sorgt, während zwei Staffeln Gilmore Girls über den Bildschirm flimmern. 

„Finden Sie das witzig?“ 

Ich reiße mich zusammen und setze einen reuigen Gesichtsausdruck auf. Zumindest hoffe ich, dass er Misses Ward besänftigt. Schließlich muss ich mit Misses Perfect noch weitere Wochen verbringen, bis ich Dad davon überzeugt habe, kein verwöhntes Töchterchenzu sein, das sich ins gemachte Nestsetzen will. Seine Worte, nicht meine. Ich bin so fern von verwöhnt wie der Planet Pluto von der Sonne. Finde ich. 

Ist es nicht wahnsinnig uncool, am Empfang eines der lässigsten Plattenlabels in Nashville zu stehen und auszusehen, als säße ich an der Rezeption des Hotels Waldorf Astoria? Die Musiker, die hier ein- und ausgehen und aussehen, als wären sie gerade vom Pferd gestiegen, das sie draußen angebunden haben, lächeln mich spöttelnd an. Das empfinde ich zumindest so. 

Ich verkneife mir ein Augendrehen. „Selbstverständlich nicht. Ich werde es sofort richten.“ Zu meiner Erleichterung klingelt das Telefon, und ich zucke bedauernd mit den Schultern. Ich hätte gern noch weitergeplaudert, doch die Pflicht ruft.

„Boman & Clarke Music. Sie sprechen mit Grace Harper. Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“ Meine Stimme klingt genau so, wie es mir Misses Ward in den nervenaufreibenden ersten Wochen eingebläut hat: entspannt und gleichzeitig interessiert. Die perfekte Empfangsdame. Sie kann nicht behaupten, ich hätte nichts dazugelernt.

Ich sehe zu, wie Misses Ward ihre Handtasche fester umgreift und auf ihren Zehn-Zentimeter-Absätzen fortschwebt. Als sie die Stufen hinauf in den oberen Stock verschwindet, atme ich auf. Ich beende das Telefonat und checke im PC das Terminsheet für heute, das mich auf die wichtigsten Besucher des Plattenlabels hinweist. Für drei Uhr entdecke ich den Eintrag: L.H.Mein Herzschlag beschleunigt sich. Misses Ward scheint mich persönlich ärgern zu wollen, indem sie alle Bandnamen abkürzt. Ob das die Abkürzung für Lords of Heartsist? Allein die Vorstellung schickt einen Adrenalinstoß durch meinen Körper. Bevor ich es steuern kann, entfährt mir ein Quieken. Sofort schlage ich die Hand über den Mund und blicke mich um, ob mich einer der Kollegen gehört hat. Glücklicherweise regt sich keiner. Lords of Hearts.Eines der angesagtesten Country-Trios in Nashville. Ihren Megahit „I dare you“ habe ich vor zehn Jahren mit einer Haarbürste als Mikrofon vor dem Spiegel im Kinderzimmer gefühlt tausend Mal performt. Diese Band war der Auslöser für meinen größten Traum: Countrysängerin zu werden. Wenn Dad einer der erfolgreichsten Country-Produzenten ist und Mom der ehemalige Countrystar Estelle, sollte man meinen, der Traum wäre greifbar. Doch Dads Worte beim Dinner vor einem Monat haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt: „Zugegeben, deine Stimme hat das gewisse Etwas. Schließlich hast du die Gene deiner Mutter. Ein wenig mehr Übung und Unterstützung durch mich, dann könnte etwas aus dir werden.“Er sieht mir an, dass ich innerlich an die Decke gegangen bin und hebt abwehrend die Hände. „Vertraue meiner Erfahrung: Du bist jung und naiv. Es ist schwierig, sich im Business zu behaupten. Wie deine Mom immer sagt: Es ist ein Dschungel voller Raubtiere. Wenn du kein dickes Fell hast und weißt, wem du vertrauen kannst, gehst du unter. Lass mich dir helfen, Engelchen.“

„Nenn mich nicht Engelchen. Der Spitzname war schon uncool, als ich fünfzehn war. Doch jetzt bin ich zweiundzwanzig, Dad. Und überhaupt: Perry und du seid keine Raubtiere und trotzdem ganz oben im Business. Mom hat es doch auch ohne Hilfe geschafft!“ Mom und Dad wechseln einen Blick.

„Dein Talent ist außergewöhnlich, Grace. Gerade deshalb musst du vorsichtig sein. Auch ich hatte Unterstützung. Und das waren noch andere Zeiten. Die Musik stand im Vordergrund. Heute geht es vor allem ums Geld“, schaltet sich Mom ein. 

„Und deshalb hat deine Mutter die Konsequenz gezogen und sich auf die Ranch konzentriert. Mit ihren Pferdetrainings tut sie viel Gutes.“Dad blickt mich über den Rand seines Glases erwartungsvoll an.

„Ja, aber sie hatte es bis nach ganz oben geschafft. Sie konnte das Leben als Countrysängerin ausleben. Und du und Perry, ihr seid doch als Jugendliche auch zusammen aufgetreten.“

Dad stößt hörbar die Luft aus und neigt den Kopf. „Genau, bis Perry und ich gemerkt haben, wie hart das Business ist. Dass wir nie ganz oben mitspielen werden. Es sei denn als Produzenten. Ich mache dir einen Vorschlag: Du arbeitest in meinem Label und lernst die Szene von der Pike aufkennen. Wenn du dann immer noch ernsthaft Interesse daran hast, Countrymusikerin zu werden, verspreche ich dir eine professionelle Aufnahme. Ob ich sie veröffentliche, werde ich mit Perry besprechen.“ 

Wieder etwas, was mich auf die Palme bringt. Dad trifft keine Entscheidung ohne seinen Kompagnon Perry Clarke. Wenn er doch nur auch so cool wäre wie OnkelPerry, wie ich meinen Patenonkel nenne. Der nutzt die frohen Seiten des Business und nimmt mich, im Gegensatz zu Dad, zu Gigs von trendigen Bands mit. Er ist ein Genie, was das Gespür für neue Talente angeht. Und man sagt ihm nach, dass er eiskalt ist, wenn er das Vertragliche aushandelt. Dad hingegen genießt es, mich als Praktikantin zu behandeln. 

Schmollend kaue ich auf meiner Lippe. Eine blöde Angewohnheit. Mir ist bewusst, dass es nichts bringt, abzulehnen. Dad ist ein Sturkopf wie ich. Vielleicht ist etwas an seinem Vorschlag dran. Ein paar Tricks und Schlichen des Business kennenzulernen, kann nicht schaden. Wenn ich mich von Dad unabhängig machen will, hätte ich zumindest Erfahrung, wenn es um das Aushandeln eines Vertrags mit einem anderen Label geht. Als Tochter des Chefs muss ich vermutlich nicht so viel arbeiten und hätte noch Zeit für meine Songs und meinen Job im Five Taps.

„Also gut. Wann fange ich an?“

Mein Vater grinst breit. Zu breit.

Mir wird ein wenig mulmig. „Wo ist der Haken?“, frage ich.

„Niemand soll wissen, dass du meine Tochter bist.“

Mom lacht auf und gießt Wein nach. 

Ich kneife die Brauen zusammen. „Warum denn das nicht?“

Dad lehnt sich zurück und stößt mit Mom an, als hätte er gerade den Deal seines Lebens abgeschlossen. „Weil die Herausforderung für dich dann größer ist. So oder gar nicht.“

„Wie soll das gehen? Die Leute im Label kennen mich. Und spätestens bei meinem Nachnamen ist klar, dass wir verwandt sind.“

„Du trittst unter dem Mädchennamen deiner Mutter auf. Harper. Du hast dich in den letzten Jahren sehr verändert. Als du das letzte Mal da warst, hattest du gerade deine … wie hieß das? Ach ja: Emo-Phase. Du hast die Sonne gescheut wie ein Vampir und warst krankhaft blass. Dabei hast du es als Kind immer so geliebt,über die Ranch zu streifen und warst stundenlang draußen. Mit den kurzen schwarzen Haaren, den schwarzen Fingernägeln und den weiten Klamotten sahst du wirklich schräg aus. Und erst diese schwarz umrandeten Augen. Grauenhaft! Kein Wunder, dass Mom den Drang entwickelt hat, dich hübsch einzukleiden.“

Mom zuckt mit den Schultern, und ich widerstehe dem Impuls, die Augen zu rollen.

„Von deinem damaligen Musikgeschmack fange ich gar nicht erst an.“Er lacht leise vor sich hin und trinkt einen Schluck. Dann hebt er den Blick, und ich sehe die Zärtlichkeit darin. „Schau dich jetzt an. Du bist eine wunderschöne junge Frau. Und hast ein entzückendes Lächeln.“ 

Dad hat nicht übertrieben. In dieser Emo-Phase konnte ich mich selbst nicht ausstehen. Nur um meine Eltern zu brüskieren, habe ich in ihrer Gegenwart diese Punkbands gehört, deren Texte mich selbst so deprimiert haben, dass ich heimlich alte Alben meiner Mom gehört habe. 

Ich verarbeite seinen Plan, mich inkognitobeim Musiklabel anstellen zu lassen. Er scheint das seit Langem ausgeheckt zu haben. Die Idee ist nicht schlecht. Klingt nach Abenteuer. Ich räuspere mich. „Wie lange?“

„Bis ich sage, dass du so weit bist.“

Ich lache schnaubend. „Wer sagt mir, dass du dir dafür nicht zehn Jahre Zeit lässt?“ 

Er zuckt mit den Schultern, hebt herausfordernd das Kinn und hält mir die Hand hin. Ich halte seinem Blick stand und atme tief durch. Innerlich gehe ich meine Optionen durch. Wenn ich das Gefühl habe, er hält sich nicht an den Deal, bringt mich nichts davon ab, auszusteigen und mein Glück bei einem anderen Label als Boman & Clarkezu versuchen. Bis dahin werde ich eng mit den angesagtesten Bands zusammenarbeiten, Gigs in den Musikhallen Nashvilles aufsuchen und die neuesten Trends und Talente kennenlernen. So schlecht ist der Job nicht. Dann kommt meine Chance. Ich weiß, ich habe Talent. Und Dad weiß es auch. 

„Deal“, sage ich und schlage ein. 

Das war vor einem Monat. 

Wenn mein Dad von der Pike aufsagt, dann meint er das offenbar so. Seit Beginn des Praktikums versauere ich am Empfang. Und außer nett zu lächeln und den richtigen Tonfall bei eingehenden Telefonaten einzuschlagen, habe ich nichts gelernt. Dazu muss ich mir die süßsauren Belehrungen von Misses Ward anhören. Wenn ich nicht genau wüsste, dass sie keinen Schimmer hat, wer ich bin, könnte ich fast annehmen, mein Dad hätte die Nervensäge persönlich auf mich angesetzt, um mir das Leben schwer zu machen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Wenn Onkel Perry nicht wäre, hätte ich längst das Handtuch geschmissen. Er entführt mich ab und zu zum Lunch ins Deli um die Ecke, wo er mir in seiner geduldigen Art erklärt, dass Dad mir das alles nur antut, weil er mich so liebt. Wer’s glaubt!

„Cappuccino?“ Ein Pappbecher wird vor mich auf das Desk gestellt und reißt mich aus meinem Schmollen.

„Mason! Du bist meine Rettung!“ Sofort bereue ich meine Aussage.

Der schmächtige Kerl mit der dicken Hornbrille und dem Ziegenbärtchen wäre der beste Kollege ever. Immerhin weiß er, dass kurz vor dem Lunch mein Koffeinlevel vor dem Absacken bewahrt werden muss. Doch sein treuer Hundeblick, den ich anfangs noch als niedlich abgetan hatte, ist mir mittlerweile too much. Er ist immer ein wenig zu nah, zu nett, zu aufdringlich. 

Er blickt auf meine Bluse, die ich immer noch nicht richtig geknöpft habe. Ich stöhne. „Frag nicht. Keine Zeit gehabt. Misses Perfect hat auch schon gemotzt.“ Ich entferne den Plastikdeckel, inhaliere den Kaffeeduft und nehme einen großen Schluck. „Himmlisch, das habe ich gebraucht.“

„Nachtschicht gehabt?“, fragt er und legt den Kopf schief. 

„Ja, aber nicht an der Bar.“

Mason kneift die Augen zusammen. „Hat Mister Jura mal nicht in der Uni-Bibliothek geschlafen?“

Der Ehrgeiz meines Freundes, was sein Jurastudium angeht, ist ein offenes Geheimnis. Mittlerweile bereue ich es, Mason davon erzählt zu haben. Er reitet seitdem gern auf meinem faktisch nicht vorhandenen Liebesleben herum. Was erwartet er sich davon? Noch ist er zu schüchtern, seine Anmache auf den Level zu bringen, dass ich darauf reagieren muss. Vielleicht habe ich mir auch ein dickes Fell zugelegt. Die Arbeit hinter der Bar im Five Tapswäre nicht zu bewältigen, wenn ich jedem Flirt Bedeutung beimessen würde. 

„Ally hatte Liebeskummer, und …“, setze ich an, das Missverständnis aufzuklären, als die Tür so rüde aufgestoßen wird, dass sie gegen die Wand knallt. Vor Schreck verschütte ich den heißen Kaffee über meine Hände. Aua! Ich hebe den Blick, und mir bleibt fast das Herz stehen.

Ein düsterer Cowboy steht im Türrahmen. Im gleißenden Sonnenlicht sehe ich nur seine Silhouette. Fehlt nur noch der Sound einer Mundharmonika. Ich nehme seine Erscheinung in mich auf. Der Stetson ist tief in die Stirn gezogen, ein schwarzes Halstuch ist lässig um seinen Hals geschlungen, Tintenlinien tanzen die entblößten Unterarme entlang, ein Gitarrenkasten auf dem Rücken. Mit langen Schritten kommt er auf uns zu. Die Energie, die er mitbringt, ist bedrohlich. Seine Augen sind nur Schlitze. Der Kiefer ist zusammengepresst.

Mason richtet sich auf, doch mir ist klar, dass er im Ernstfall nichts gegen den Hünen ausrichten kann, dessen silberberingte Hand sich hebt, den Zeigefinger anklagend auf mich gerichtet. Ich starre auf den langen Daumennagel, der neben dem Gitarrenkasten keinen Zweifel daran lässt, welches Instrument er spielt. Instinktiv entscheide ich, dass mein Standard-Begrüßungssatz nicht angebracht wäre.

„Jack Boman. Sofort!“ 

Zumindest höre ich das aus dem Zischen heraus. Oha. Ganze Sätze werden überbewertet. Obwohl es in dieser Situation völlig unangebracht ist und ich mich bedroht fühlen sollte, grinse ich bei diesem Macho-Gehabe. Ich Grace, du Django!Sein Mund wird zu einer schroffen Linie. Masons Augen weiten sich. Er will mich wohl warnen, zu übermütig zu werden, doch ich habe nur einen Gedanken: Endlich geschieht mal etwas! Warum er wohl so sauer ist? Ich greife zum Hörer und wähle die Durchwahl von Misses Ward. 

„Hier ist ein Cowboy für Mister Boman.“

Cowboy

 

Ich hätte mir denken können, dass Misses Ward mich nicht so schnell vom Haken lässt.

„Cowboy? Ohne Termin? Das ist nicht Ihr Ernst. Name? Anliegen? Wie oft soll ich Ihnen noch erklären, was Ihr Job ist?“ 

„Äh …?“

Der brennende Blick des Cowboys macht es schwer, sich zu konzentrieren. Obwohl ich weiß, dass es überflüssig ist, checke ich das Terminsheet. Wie erwartet steht dort nicht mörderisch dreinblickender Cowboy um elf Uhr. Ich schlucke und straffe innerlich die Schultern. Wie war das? Entspannt und gleichzeitig interessiert. Ich bin sehr interessiert. Entspannt eher weniger. Trotz seiner zorngefurchten Stirn erkenne ich, wie heiß der Typ ist. Kinnlange Strähnen lugen unter dem Stetson hervor. Der Hals ist kräftig, und im Ausschnitt des schwarzen Hemds entdecke ich weitere Tattoos. Aber es ist nicht allein sein Aussehen, das ihn so sexy macht. Er hat diese selbstbewusste Aura, die einem das Gefühl gibt, er beherrscht den Raum. Wie ein Superstar. Ist er einer? Innerlich gehe ich die Countrysänger durch, die derzeit die Charts reiten. Nö, kein Superstar. Ich halte den Hörer gegen meine Brust. Sicherlich gäbe es auch andere Möglichkeiten, das Gespräch kurzzeitig auf stumm zu stellen. Doch die Knöpfe dieser Telefonanlage sind zu klein, als dass ich sie unter dem prüfenden Blick des Cowboys bedienen könnte. Aus der Stille im Raum, der sonst mit dem Geschnatter der Kollegen gefüllt ist, schließe ich, dass die Mitarbeiter mit gespitzten Ohren hinter der Trennwand sitzen.

„Mister …?“, frage ich höflich und versuche elegant einzuleiten, dass er einen Termin vereinbaren soll. Ich stelle mir vor, ich wäre Krystal Ward. Vielleicht gelingt es mir ja, ihre herablassende Arroganz auszustrahlen. Obwohl meine Haare nicht in einem strengen Knoten sind wie ihre, sondern vermutlich wie eine mittlere Explosion vom Kopf abstehen, glaube ich, es gelingt mir ganz gut.

Der Cowboy, dessen Blick auf den Hörer vor meiner Brust gerichtet ist, runzelt die Stirn. Ich drücke den Hörer näher an mich, sollte er auf die Idee kommen, ihn an sich zu reißen. 

Statt einer Antwort huscht der Geist eines Grinsens über seine Züge. So kurz, ich könnte es mir eingebildet haben. Bevor ich noch darüber nachdenken kann, hat er sich im Griff, und seine Miene wird noch finsterer. Hat er mir zugehört? Mir geht auf, dass die Bluse immer noch falsch geknöpft ist. Hat er deswegen so spöttisch gegrinst? Die Erkenntnis lässt etwas in mir klicken. Nach Wochen, in denen ich mir Mühe gegeben habe, Dads und Krystals Vorstellungen zu erfüllen, bin ich es plötzlich leid. Ich werde mich nicht noch mehr verbiegen. Ich lege den Hörer auf und beginne, die Bluse aufzuknöpfen. Nicht gerade der günstigste Zeitpunkt. Wenn ich Zeit hätte, mein Verhalten zu analysieren, könnte ich das vielleicht als eine dieser Übersprunghandlungen einordnen, in denen Ally Spezialistin ist, obwohl sie eher aus fahrenden Autos springt und Männern Drinks über den Kopf schüttet, anstatt sich zu entblößen.

Die Furche auf der Stirn des Cowboys wird tiefer, als er verfolgt, wie ich langsam aber sicher die Bluse öffne und den schlichten Baumwoll-BH darunter freilege. Mason, den ich zwischenzeitlich vollkommen vergessen habe, stößt hörbar die Luft aus.

Das Geräusch befreit den Cowboy aus seiner kurzzeitigen Trance. „Netter Versuch, Sweetheart. Wenn du einen auf Sexbombe machst, solltest du noch ein wenig üben.“

Meine Finger erstarren in ihrer Bewegung.Sweetheart? Auf Sexbombe machen? Hey, ich habe mir nur die Bluse richtig geknöpft, will ich antworten, doch in der plötzlich aufwallenden Wut ist meine Hirn-Mund-Koordination gestört. „Wenn Sie den Sport-BH sexy finden, ist Ihr Standard wohl ziemlich weit unten.“ Muss ich wirklich Besucher des Labels, die mich Sweetheart nennen, siezen? Misses Wards Gehirnwäsche zeigt offenbar Wirkung. Ich hebe das Kinn und knöpfe weiter, mittlerweile schließe ich die Bluse wieder und hoffe, dass mir das ohne hinzusehen gelingt. Ich habe mich vorgebeugt und versuche, mit den Augen Blitze abzufeuern. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Mason die Hand hebt. Ob er mich fortziehen würde, sollte es zum Äußersten kommen? 

Der Cowboy hat sich ebenfalls zu mir geneigt, jeder im persönlichen Raum des anderen. „Jack Boman. Sofort!“, brummt er wieder.

Jetzt sehe ich, dass seine leicht schräg stehenden Augen grün sind. Das ist mir so was von egal. „Sie wiederholen sich“, erwidere ich.

Er sieht mir wohl an, dass ich kurz vor dem Explodieren stehe und quittiert meinen inneren Aufruhr mit einem gelangweilten Schnauben. „Alberne Zeitverschwendung“, murmelt er, wendet sich abrupt ab und steuert auf die Treppe zu, die in den ersten Stock führt.

„Halt!“, rufe ich. „Sie können da nicht ohne Termin hoch!“ 

Er antwortet nicht. Ich stürze ihm hinterher und kollidiere mit Mason, der den Ausgang vom Empfangsdesk blockiert. Ich hole den Cowboy ein, als er oben bereits eine Tür nach der anderen aufreißt. Mein Blick huscht zur Tür am anderen Ende des Ganges, hinter dem Krystal sitzt und wie ein Höllenhund Dads Büro bewacht. Zu spät bemerke ich meinen Fehler. Er folgt meinem Blick, drängt mich beiseite und steuert die Tür an. Ohne zu klopfen, reißt er sie auf. Krystal, die gerade ihre Lippen neu zieht, verreißt vor Schreck, und ein pinker Streifen zieht sich von ihrem Mundwinkel über die rechte Wange. Eigentlich ganz witzig, wenn ihr sich Todesblick nicht vorwurfsvoll auf mich richten würde.

Abwehrend hebe ich eine Hand. „Er ist einfach an mir vorbeigestürmt.“

Den Cowboy scheint unser Geplänkel nicht zu beeindrucken. Er reißt die zweite Tür im Raum auf.

Krystal springt mit einem entsetzten Schrei auf. „Wie können Sie es wagen!“ 

Ich beiße mir vor Genugtuung auf die Lippen. Tja, Krystal, da siehst du mal, wie das ist.

Mein Vater, der gerade telefoniert, hebt irritiert den Kopf. Ein Blick auf den wutschnaubenden Cowboy und unsere beiden Gesichter lässt ihn die Lage richtig einschätzen.

„Ich rufe dich später zurück, Bert.“ Die Ruhe selbst, lehnt er sich zurück und deutet auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. 

In diesem Moment bewundere ich meinen Dad. 

Der Cowboy stutzt. Vermutlich geht ihm auf, dass er im Büro einer der einflussreichsten Personen im Musikbusiness von Nashville steht und seine Manieren an der Türschwelle gelassen hat. Er schultert die Gitarre ab, doch er setzt sich nicht. Stattdessen stützt er beide Hände auf Dads Schreibtisch ab und beugt sich vor, wie er es zuvor bei mir getan hat.

Dad zuckt mit keiner Wimper. Ich wünschte, ich wäre so cool wie er gewesen. Die Lederjacke des Cowboys rutscht hoch, und ich kann nicht verhindern zu bemerken, dass der Hintern die dunkle Jeans perfekt ausfüllt. 

„Was kann ich für Sie tun, Mister …?“ 

„Tate Barker. Klingelt der Name?“ 

Dad runzelt die Stirn. „Ich fürchte nein. Ich kann mich nicht daran erinnern, Ihnen jemals begegnet zu sein.“ 

Der Cowboy schnaubt wieder, lüftet kurz den Hut und rauft sich das Haar. „Dann fangen wir anders an. Wasted Love?“

Dad spitzt die Lippen. „Der Song?“ 

„Genau, der Song, der gestern von null in die Top Ten der Country Charts gesprungen ist, obwohl das Jüngelchen, das ihn performt, den Song total verhunzt hat. Wer ist auf die Idee gekommen, beim Refrain ein Keyboard einzubauen?“ Der Cowboy richtet sich auf, als hätte er damit alles gesagt. 

Dad runzelt die Stirn. „Was haben Sie damit zu tun?“ 

Der Cowboy flucht und wirft den Hut auf Dads Schreibtisch. „Das ist meinSong. Sie haben ihn geklaut.“

Krystal neben mir entfährt ein ungläubiges Lachen. 

Schlagartig ändert sich die Haltung meines Dads. Er mustert den Cowboy abschätzig, die Finger zusammengelegt. Ich kenne diese Geste aus unzähligen Standpauken, wenn er gleichzeitig guten Willen und Überlegenheit suggerieren will. „Das ist eine absurde Unterstellung. Der Song stammt von Armadillo.“

Der Cowboy lacht. Es klingt falsch und ungeduldig. „Was für ein bescheuerter Künstlername. Gürteltier? Sie können Ihrer Großmutter erzählen, dass Sie keinen Schimmer davon haben, dass Sie den Song von mir geklaut haben. Ich werde die besten Anwälte zusammentrommeln, und die Welt wird erfahren, was für ein Betrüger Sie sind.“ 

Dad kratzt sich den Nacken. Sein Blick sucht Krystal. „Miss Ward, können Sie bitte nachsehen?“

Wortlos versteht sie, was er von ihr möchte. 

„Tun Sie das“, knurrt der Cowboy.

Krystals missbilligender Blick trifft ihn, doch er wendet sich wieder Dad zu.

Während Krystal im Vorraum ihren PC durchsucht, schweigen die Männer. Der Cowboy hat nun doch Platz genommen und studiert die gerahmten Fotos, die Dad und seine größten Stars zeigen. Seine Anspannung scheint nachgelassen zu haben. Ich wage kaum zu atmen, damit keinem auffällt, dass ich noch im Zimmer bin. Ich betrachte Tate Barkers Profil. Sein Name sagt mir nichts. Er ist jedenfalls kein Star der Countryszene, selbst wenn er sich so aufführt. Wie kann er es wagen, diese abscheulichen Anschuldigungen gegenüber meinem Dad zu äußern? Als hätte er es nötig, Songs von unbekannten Künstlern zu stehlen. 

Krystal kehrt zurück, ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen. Perry folgt ihr mit besorgter Miene. Langsam wird es voll im Büro. Ich mache mich so unsichtbar wie möglich. Dad hebt den Kopf.

„Hier sind alle Verträge mit Armadillos Agentin. Wir haben alle Rechte am Song erworben. Hier die Überweisung an die Agentur. Und hier der Rechtekatalog, sowohl für den Text als auch die Melodie. Es ist alles rechtens“, sagt Perry und legt einen Stapel Dokumente auf den Schreibtisch. 

Dad seufzt. „Darf ich Ihnen meinen Partner Perry Clarke vorstellen, Mister …?“ 

Der Cowboy verschränkt die Arme vor der Brust und nickt Perry kurz zu. „Barker“, blafft er.

Krystal zuckt zusammen. Ihr Blick trifft auf mich. Ihr Lieblings-Blitzableiter. „Was stehst du hier herum? Der Empfang darf nicht unbesetzt sein. Was hier oben geschieht, geht dich nichts an. Los, an die Arbeit!“

Ich tausche einen Blick mit Dad, der mir mit einer kurzen Bewegung des Kinns Richtung Tür zu verstehen gibt, dass er seiner Assistentin zustimmt. So ein Mist!

Folgsam kehre ich zurück in die untere Etage. Mason und die anderen löchern mich mit Fragen. Ich halte es für ratsamer, Dad nicht anzuschwärzen. Sicherlich handelt es sich um ein riesiges Missverständnis, das sich aufklären lässt. Kein Grund, die Mitarbeiter unnötig zu beunruhigen. Also zucke ich nur mit den Schultern und positioniere mich wieder hinter dem Empfangsdesk.

Außer ein paar langweiligen Anrufen tut sich nichts. Unzählige Male huscht mein Blick zur Treppe. Eine Stunde später kommt Tate in Dads und Perrys Begleitung herunter. Dad spricht mit gesenkter Stimme auf den tief in Gedanken versunkenen Cowboy ein. Die beiden passieren mein Desk, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Perry zwinkert mir zu. Offensichtlich haben sie sich mit Tate Barker geeinigt. Vor der Tür hält Dad die Hand hin, in die Tate einschlägt. Dann rückt der Cowboy den Gitarrenkasten auf dem Rücken zurecht und verlässt mein Blickfeld. Dad und Perry stehen noch eine Weile im Sonnenschein und blicken ihm hinterher. Was sie wohl sehen? Ob nicht nur mir Tates knackiger Hintern aufgefallen ist? 

 

Punkt fünf Uhr klopfe ich an die Tür zu Dads Büro. Als ich dort Platz nehme, wo heute Vormittag Tate Barker gesessen hat, weht mir eine leichte Fahne von Bourbon entgegen. Dad rückt das leere Glas zur Seite. Er trinkt selten, was die Fragen auf meiner Zunge explodieren lässt. „Hatte dieser Cowboy recht? Ist es sein Song? Was habt ihr besprochen?“ Ich rutsche vor an die Stuhlkante. 

Dad kneift die Augen zusammen, und sofort bereue ich, die Sache nicht diplomatischer angegangen zu sein. „Er hat für uns gespielt. Perry war begeistert. Zweifellos ist er ein begabter Musiker. Wir denken, seine Version stimmt. Aber das wirft natürlich die Frage auf, wie Armadillo an den Song gekommen ist. Wir müssen das noch abklären. Und jetzt Schluss damit. Lass uns über dein Praktikum reden.“

Ich sitze hier offensichtlich nicht als Familienmitglied, sondern als Angestellte. „Aber …“

Er blickt mich scharf an, und ich verkneife mir eine enttäuschte Bemerkung. „Okay.“ Ich lehne mich im Stuhl zurück und tröste mich damit, wie viele berühmte Stars hier schon gesessen haben. Und heißblütige Cowboys!

Seine Schultern entspannen sich. Es ist wohl neu für ihn, dass ich nicht bohre, wie es sonst meine Art ist, bis er mir alles verrät. „Du hast dich am Empfang gut geschlagen, Grace.“

Ich lächle und freue mich über sein Lob, obwohl die Tätigkeit nicht besonders anspruchsvoll war. 

„Ja, es hat Spaß gemacht. Kannst du dir vorstellen, wie ich mich zusammenreißen musste, als Lord of Hearts heute da waren?“ Dad schmunzelt, und ich schöpfe Hoffnung. Ob wir endlich über die Musikaufnahme sprechen? Ich setze mich gerader hin und rutsche auf dem Stuhl hin und her. Changes, ein neuer Song, kommt mir in den Sinn. Ich habe in den letzten Tagen daran gearbeitet, und der neue Einschub vor dem zweiten Refrain wird Dad sicherlich von meinem Talent überzeugen. 

„Ab kommender Woche wirst du in der IT-Abteilung arbeiten. Dort laufen alle Informationen der Firma zusammen.“ Er legt die Finger zu einer Raute zusammen, und meine Euphorie klappt wie ein Kartenhaus zusammen. Ein weiterer Monat? Kurz rechne ich die Abteilungen durch. Wenn ich in jeder Abteilung einen Monat absolvieren soll, sitze ich noch in einem halben Jahr hier! 

Ich bin zu stolz, mir die Enttäuschung anmerken zu lassen. „Okay. Klingt spannend. Was werden meine Aufgaben sein?“ Innerlich seufze ich auf. So eng mit Mason zusammenzuarbeiten wird eine Herausforderung werden.

Dads Brauen heben sich. Er löst seine Finger und fischt nach einem Dokument auf dem Schreibtisch, das er mir hinschiebt. „Hier, das entspricht der Job-Description. Wir sehen uns Montag. Es sei denn, du kommst zum Familiendinner am Sonntag. Mom vermisst dich.“

Five Taps

 

„Was meinen die nur mit olivfarbener Haut?“ 

„Häh?“ Ich hebe den Kopf und unterbreche das Einräumen der Cola-Flaschen in die Kühlung.

Ally betrachtet mit zusammengekniffenen Augen die Schale mit den Oliven. Die rot bemalte Unterlippe ist wie immer vorgeschoben, wenn sie sich konzentriert. Sie pustet eine der Locken aus der milchkaffeefarbenen Stirn. Das leuchtende Haarband bändigt nur mit Mühe die dunkle Lockenpracht, um die ich sie beneide. Ihr Job, Zitronen für die Longdrinks zu schneiden, scheint vergessen. 

„Na, in diesen Romance-Büchern. Unter einem markanten Kinnkann ich mir ja noch was vorstellen.“ Ihr Blick wird verträumt. „So mit Grübchen und kantig. Das haben nur die starken, souveränen Typen. Cosmo hatte ein markantes Kinn.“ 

Ich schnaube. Cosmo war der Schlimmste in der Sammlung von Loser-Exfreunden, die Ally im Laufe der Jahre angesammelt hat. „Außer, dass sein Kinn eine Kerbe hatte, war bei dem nichts männlich.“

Ally blickt mich strafend an und nimmt eine Olive aus der Schale, die sie mir unter die Nase hält. Das Ding ist grün und mit einem roten Paprikastück gefüllt. „Das war ja gar nicht meine Frage. Willst du einen Typen, der eine solche Haut hat. Eben olivfarben? Und steht das Rot der Paprika für Pickel?“ 

Ich lache auf. Das ist typisch Ally. Sie hat die verquersten Gedanken. Manchmal etwas eklig. „Na, dann hätte Cosmo, wenn schon kein markantes Kinn, auf jeden Fall olivfarbene Haut. Ich kann mich erinnern, dass seine Haut nach dem vielen Saufen immer leicht grünlich wirkte.“

Ally wirft mir die Olive an den Kopf. „So schlimm, wie du tust, war er gar nicht. Er hatte ein gutes Herz“, murmelt sie und versenkt das Messer in einer Zitrone.

Ich seufze. Immer wieder vergesse ich, wie sensibel sie ist, wenn es um ihre verflossenen Lieben geht. Wenn hier einer ein gutes Herz hat, dann Ally. „Ich glaube, die Olive steht eher für die Farbe der Olivenbaumblätter? Sicher bin ich mir nicht“, sage ich versöhnlich und lege einen Arm um ihre nackten Schultern.

Genau wie ich trägt sie die Uniform des Five Taps, die nur die nötigsten Hautpartien mit Stoff bedeckt. Da sie nur einen Meter sechzig groß ist, ist der Jeansrock trotz des phänomenalen Hinterteils etwas länger als bei mir. Dazu eine weiße geschnürte Bluse, die Schultern und Bauch freilässt, und Cowboyboots. Ich fühle mich mit diesem Outfit fast wie eine der Kellnerinnen aus dem Film „Coyote Ugly“. Auch die Stimmung hier kocht manchmal wie in dem Filmlokal. Einfach großartig! Ally gibt mir einen Schmatzer auf die Wange. Sie ist nicht der nachtragende Typ. 

Ihre Stirn runzelt sich, als sie über meine Schulter hinweg jemanden begrüßt. „Apropos markantes Kinn“, flüstert sie und kann ihre Abneigung kaum verhehlen.

Bevor ich mich umdrehen kann, umfassen warme Hände meine Hüften. „Hey, sexy Prinzessin.“

Ally seufzt und verdreht die Augen, wie sie es immer tut, wenn sie den Spitznamen Prinzessinhört. Ich blicke mich nervös nach unserem Chef um. Er mag es nicht, wenn Gäste hinter der Bar sind. 

„William, nicht.“ Ich löse mich aus seiner Umarmung und schiebe ihn energisch aus dem Thekenbereich. 

„Bist du mir immer noch böse?“ Das Lächeln zeigt die Grübchen auf seinen Wangen. Er weiß, dass ich diesem Welpenblick nicht widerstehen kann.

Ich seufze. „Ich habe zwei Stunden auf dich gewartet.“

Er fährt sich durchs Haar. „Ich habe dir doch erklärt, dass ich ein Gespräch mit dem Prof hatte. Es war wichtig.“

Ich nage an meiner Lippe. Er legt einen Finger an meinen Mund. William findet, nur kleine Mädchen kauen an der Lippe. 

„Ich mache es wieder gut, versprochen.“ Er zieht mich an sich, und ich verschränke die Arme hinter seinem Hals.

Sein Kuss ist wie immer sanft. Vertraut. Zurückhaltend. Er ist ein wahrer Gentleman und hält nichts von längeren öffentlichen Liebesbekundungen. William ist seit der Highschool mein Freund. Im Gegensatz zu mir ist er ein echter Überflieger, der schon im Junior-Jahr wusste, dass er einmal ein berühmter Anwalt werden möchte. Während ich nach meinem Bachelor das College beendet habe, um mich ganz meiner Musik zu widmen, besucht er den Aufbaustudiengang an der juristischen Fakultät der Vanderbilt Universität, eine der Elite-Unis der USA. Seitdem sehen wir uns selten. Sein Leben scheint nur noch aus dicken Wälzern zu bestehen, in die er Tag und Nacht die Nase versenkt. Ich vergrabe die Nase lieber an seinem Hals. Sein Duft nach teurem Aftershave und frischer Seife, die er in all den Jahren nicht gewechselt hat, hat mich immer geerdet. Wenn mich die Panik vor der Ungewissheit des Lebens überkommt, was seit Ende der Highschool oft vorkommt, brauche ich nur an ihm zu schnuppern und schon rückt alles an seinen verlässlichen Platz.

Er löst meine Finger von seinem Nacken. „Was macht dein Praktikum?“

Ich erzähle ihm von meiner Beförderung. 

Er lächelt. „IT ist doch spannend.“

Ich seufze. William findet die Idee meines Vaters, erst einmal das Business kennenzulernen, genial. Er zählt mir auf, was ich in der neuen Abteilung alles lernen könnte und schafft es tatsächlich, mir den Job schmackhaft zu machen. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass er mit den Gedanken woanders ist. Sein Handy hat zweimal gepingt. Ganz der Gentleman hat er es ignoriert, doch mir entgeht nicht, dass er bereits zwei Mal nach der großen Uhr neben der Bar geschielt hat. Als ich ihn darauf hinweise, dass ich keine Zeit mehr zum Plaudern habe, wirkt er fast erleichtert. Er klopft mit der flachen Hand auf die Bar. So, wie es seine Angewohnheit ist, wenn ein lästiger Vorgang abgeschlossen ist und neue Aufgaben warten. Ich kneife die Augen zusammen. 

„Bis morgen, Prinzessin. Ich hol dich um sechs ab. Diesmal kommt nichts dazwischen, das verspreche ich.“ Er küsst mich hastig auf die Wange.

Ally winkt ihm nach. Es wirkt aufgesetzt, und sie bleckt die Zähne, als wäre sie die Zahnarztgattin in einer Zahnpastawerbung. Sie kann es einfach nicht lassen.

Er runzelt kurz die Stirn. Normalerweise grinst er mich von der Tür aus frech an. Ein kleines Ritual, wenn er mich im Five Tapsbesucht. Doch diesmal vergisst er es, und das Display seines Handys ist wichtiger. Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss. Was ist nur mit ihm los?

„Ihr seid so süüüüßzusammen, Prinzessin. Ob er dir bald einen Antrag macht?“ Ally reißt mich aus meiner Grübelei und legt sich theatralisch die Hände aufs Herz.

Ich weiß, das wäre für sie ein Horrorszenario. Sie nimmt William das Saubermann-Image nicht wirklich ab. 

„Bitte nicht. Heiraten ist schlecht für die Karriere.“

Ally lacht über den Spruch, den ich ihr immer als Antwort auf ihre Frage gebe.

Kurz darauf kommt der Gästeansturm, und die ruhige Stimmung davor, die ich so liebe, ist vorbei. Der Stress lässt wenigZeitfür Gedanken. Das Lokal ist eines der coolsten in Nashville. Ganz im Saloon-Stil gehalten, zieht es wie ein Magnet Touristen und Einheimische an, was daran liegen mag, dass dort nur die hübschesten Frauen bedienen. Das sage ich ganz ohne Einbildung. Der Spruch stammt von Bronson, dem Besitzer, der auf das Motto Sex sellssetzt. Es scheint zu funktionieren. Meine Eltern sind nicht besonders glücklich, dass ich dort in diesem Outfit bediene. Doch dazu besteht kein Grund, denn das Five Tapsist mehr. Die Atmosphäre wäre auch ohne die viele nackte Haut einmalig. Es gibt ein paar Tische in der Ecke, aber man kommt nicht ins Five Taps,um zu sitzen. Die Speisekarte ist überschaubar und besteht aus Fingerfood, das wir Bedienungen in einer Miniküche selbst zusammenbasteln. 

Das Beste an dem Laden ist die kleine Bühne, eine Open Stage, auf der jeder performen darf, der sich traut. Einige berühmte Musiker sind hier entdeckt worden. Bronson behauptet, dass Blake Cardigan einer davon ist. Genau, ich rede von demBlake Cardigan. Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt, doch ich wünsche es mir.

Ally folgt meinem Blick zu dem Podest an der gegenüberliegenden Seite des Raumes, während sie Longdrinks mixt. Wir nutzen den ruhigen Moment, der immer eintritt, wenn die Gäste gespannt auf das Einsetzen der Musik warten. In den ersten Takten wird sich herausstellen, ob der schmale Kerl, der gerade sein Glück versucht, Talent hat oder nicht. Sie seufzt hörbar, als sie nach weniger als einer Minute die Longdrinkgläser vor sich nimmt und auf die Theke zu dem wartenden Gast stellt. Ich weiß, was sie jetzt sagen wird. 

„Was der kann, kannst du schon lange.“ Sie kassiert ab und nimmt die nächste Bestellung entgegen.

Ich wische mir eine verschwitzte Strähne aus der Stirn und fühle jeden Moment der Pein mit, die der Mutige auf der Stage empfinden muss. Seine Stimme ist zittrig. Seine Nervosität verdirbt den Song. Er weiß längst, er hat seine Chance vertan. Die Besucher der Bar haben das Interesse verloren und schenken ihm kaum mehr Beachtung. Sie sind eine Tough Crowd – nicht leicht zu begeistern. Als er sich zum zweiten Mal verspielt, fühle ich fast körperlichen Schmerz. Allein die Vorstellung, vor allen anderen zu singen und mich ihrer Kritik auszusetzen …

Als wäre mein Auftritt als Nächstes dran, rutscht mir fast eine Flasche aus der schwitzigen Hand. Ich fange sie im letzten Moment. Ally runzelt besorgt die Stirn, als ich die Hand über meinen Bauch lege und meine Atmung kontrolliere. Jedes Mal, wenn ich mir vorstelle, dort zu stehen, kocht ein unangenehmes Kribbeln in meiner Magengrube hoch.

Ally, die das nicht zum ersten Mal erlebt, legt einen Arm um meine Schultern. „Hey. Beruhige dich. Tief ein- und ausatmen.“

Ich folge ihrem Rat und spüre mit Erleichterung, wie das Blut wieder in meine Hände schießt. 

„Du musst ja nicht Musikerin werden, Grace. Niemand zwingt dich. Es gäbe noch so viele andere Jobs. Wie wäre es mit Grundschullehrerin? Oder Bibliothekarin? Oder du bleibst einfach Bedienung im Five Taps.“ Sie grinst mich an, wohl wissend, dass Musik die einzige Branche ist, in der ich mir vorstellen kann, mein Leben lang zu arbeiten. Das mit der Angst vor der Bühne bekomme ich bestimmt in den Griff. Vielleicht. 

O Gott, was, wenn ich es niemals schaffe?

Der junge Mann beendet den Song, und nur eine einzige Person, der Ähnlichkeit nach der Bruder, applaudiert. Der Rest der Bar hat sich längst wichtigeren Dingen zugewendet. Ich zapfe ein Bier – die übliche Bezahlung für die Mutigen der Open-Stage – und bringe es dem armen Kerl, der seine Gitarre verstaut. 

„Beim nächsten Mal wird es sicher besser“, sage ich, als ich ihm das Getränk überreiche.

Er zuckt nur mit den Schultern und grinst mich an. „Klar wird es das!“ Er leert das halbe Bier in einem Zug.

Ich beneide ihn um seine Zuversicht und schlängle mich den Weg zurück hinter die Bar. In dem knappen Outfit versuche ich es zu vermeiden, den geschützten Raum zu verlassen. Bronson hat zwei starke Kerle angestellt, die jeden rauswerfen, der uns betatscht. Doch in dem Gedränge lässt sich schwer unterscheiden, ob die Hand am Hintern Absicht war oder nicht. Ich spüle ein paar Gläser und blicke mich nach Ally um.

Sie lehnt sich halb über dem Tresen und blickt einem Typen, der der kleine Bruder von Cosmo sein könnte, tief in die Augen. Bitte nicht! 

„Hey Sweetheart. Bist du nicht zu jung, um hier zu arbeiten?“

Die vage bekannte Stimme lässt mich den Blick heben. Ich zucke zusammen. Der Cowboy! Immer noch in seinem schwarzen Outfit sieht er im Gedränge der Gäste weniger bedrohlich aus als heute Vormittag vor meinem Desk. Der Stetson ist in den Nacken geschoben. Sein Blick wandert unbeteiligt über meine nackten Schultern bis zum freien Bauch und wieder zu meinen Augen. Er lächelt mich an. Er lächelt! Oder: Er wagt es, mich anzulächeln, nachdem er mich heute Vormittag wie ein billiges Empfangs-Sexbömbchen behandelt hat. Und jetzt dieser blöde Spruch. Schlagartig ist die Wut wieder da, die ich empfunden habe. Ich strafe ihn, indem ich ihn ignoriere.

„Kennen wir uns? Was möchtest du trinken?“ Das hier ist eine Bar und nicht der Empfang des Labels. Kein Grund, ihn nicht zu duzen.

Er runzelt einen Moment die Stirn, und ich sehe ihm an, dass er etwas sagen möchte, doch dann wird sein Grinsen breiter. Seine Augen leuchten auf, und er tippt mit zwei Fingern an die Hutkrempe, als wollte er sagen: Eins zu null für dich.

Meine Wut verfliegt.

Er legt einen Fünfziger auf die Theke. „Ein Bier und …“ Er dreht sich zu einer Frau um, die schräg hinter ihm steht.

Sie ist … atemberaubend schön. Kurvig und sinnlich. Wie eine verbotene Frucht. Das schwarze Haar liegt in seidigen Wellen um ihr symmetrisches Gesicht. Instinktiv greife ich in meine braunen Locken, die sich höchstens schön wellen, wenn ich sie eine Stunde mit dem Stab bearbeite. Mein Make-up ist nach ein paar Stunden Schicht sicherlich zerflossen. Sie ist mindestens fünf Jahre älter als ich. Kein Wunder, dass er mich für ein Baby hält. 

„Was wolltest du noch mal, Shirley?“ 

Sie kräuselt kurz die Nase, dann lächelt sie. „Ich heiße Shelly. Einen ShirleyTemple.“ Ihre Stimme ist sinnlich. Auch das noch.

Da hat er seine Sexbombe. Er vergewissert sich, dass ich sie verstanden habe. Ich nicke und mache mich an die Zubereitung der Drinks. Die Neugier, die versiegt war, flammt wieder auf. Ob er mir erzählt, was er so lange in Dads Büro gemacht hat? Ich überreiche die Drinks und nehme den Schein an mich. Als ich Tate das Rückgeld geben will, winkt er ab. Ich stecke das großzügige Trinkgeld in das große Glas, das am Ende des Abends zwischen den Angestellten geteilt wird. Vielleicht sollte ich ihn einfach geradeheraus fragen, ob Dad, also Mister Boman, ihn unter Vertrag genommen hat? Er muss ja nicht antworten. Entschlossen drehe ich mich um. Der Cowboy ist weg. Ich suche ihn in der Menge, doch es ist zu viel los. Chance vertan.

Etwa eine halbe Stunde später geschieht etwas, das im Five Tapsselten vorkommt. Ich bin gerade dabei, einen Merlot zu entkorken, als sich über das Stimmengemurmel der Klang einer Gitarre erhebt. Eine Stimme setzt ein. Zwei Takte später ebben die Gespräche der Gäste ab. Ally boxt mich in die Seite, und ich höre auf, die Flasche zu öffnen. Ich kenne den Song. Der eindringliche Refrain hat es geschafft, den Titel sofort in die Charts zu schießen. Der Text, der von einer vergeblichen Liebe handelt, ist so bittersüß, dass sich vermutlich selbst harte Kerle die Augenwinkel tupfen. Doch diese Akustikversion ist vollkommen anders als Armadillo sie performt, der mit Wasted Lovesein Debüt hatte und die mit ihrem schnelleren Rhythmus eher zum Tanzen einlädt.

Diese Stimme ist rau. Sinnlich. Die Worte kommen akzentuiert und leicht verzögert und schaffen es so, die Wehmut, die von dem Lied ausgeht, zu verstärken. Eine Gänsehaut bildet sich auf meiner Haut. Ich recke den Hals, um über die Köpfe der Gäste einen Blick auf die Bühne zu erhalten, doch ich sehe nur einen schwarzen Stetson. Kurzerhand schnappe ich mir einen Bierkasten, drehe ihn um und steige darauf. Nun, dreißig Zentimeter größer, habe ich freien Blick auf die Bühne. Mein Herz macht einen Satz, als ich Tate erkenne. Er hat die Augen geschlossen, scheint seine Gitarre zu liebkosen und wechselt bei einer besonders kniffligen Stelle mühelos von einem Akkord in den anderen. Ich wage kaum zu atmen, so sehr fasziniert mich die Intensität, die er versprüht. Sofort weiß ich, dass er die Wahrheit gesagt hat. Diese Leidenschaft kann nur jemand in einen Song legen, der aus ihm herauskommt. Er hat Wasted Lovegeschrieben. Und die Geschichte mit dem geklauten Song ist wahr. O mein Gott. Ob das Musiklabel ernsthaft Probleme bekommt?

Der Schlussakkord hallt im stillen Raum nach. Tate hält die Augen weiterhin geschlossen, als wollte er dem Lied nachspüren. Den Zuhörern scheint es ebenso zu gehen. Dann erhebt sich ein einzelnes Klatschen, in das immer mehr Gäste einfallen, bis der Laden tobt. Tate öffnet die Augen, deutet eine Verbeugung an und tippt sich an den Hut. Dem Verlangen nach einer Zugabe kommt er nicht nach. Er entdeckt mich und hebt sein leeres Bierglas. Ich falle fast vom Kasten und beeile mich, vor Abby das Freibier für die Performance zu zapfen. Warum mir das so wichtig ist, kann ich nicht erklären. Es dauert einen Moment, bis ich mich durch die Menge gedrängt habe, die Tate umringt. Die Glückwünsche nimmt er freundlich entgegen. Er wirkt dennoch nicht euphorisch oder besonders emotional. Ich an seiner Stelle würde vermutlich auf einer Adrenalinwelle schweben und entweder dauerlächeln oder von Heulkrämpfen geschüttelt sein. Ich habe einmal eine Braut gesehen, die den gesamten Weg durch den Kirchgang geflennt hat, das Gesicht zu einer Fratze verzogen. Das wäre ich, wenn ich von der Bühne steige. Kein Wunder, dass irgendwann Brautschleier erfunden wurden. Ob es auch Bühnenschleiergibt? Was mir alles durch den Kopf geht, während ich zusehe, wie Tate das Bierglas an die vollen Lippen setzt und fast in einem Zug leert, als hätte er nicht bereits einen Drink gehabt. Einige Tropfen gehen daneben und rinnen seinen Hals herab. Ich reiße mich zusammen, nicht allzu sehr zu starren. Warum auch? Die Lippen sind auch nicht voll, sondern total normal. Ich zwinge mich, wegzusehen, und entdecke Shirley, nein, Shelly, deren Blicke ebenfalls an Tate kleben. Habe ich etwa auch so schmachtend ausgesehen? 

Unfassbar, was Musik mit Menschen anrichtet. Welche Emotionen sie freisetzt. Gefühle, die wir sonst tief in uns verschließen. Mir kommt die Idee, diese Gedanken in einen Song zu packen. Bottled upkönnte er heißen oder so ähnlich. In der ersten Strophe …

Tate stupst mich an. Ich fahre zusammen und sehe mich blinzelnd um. Wie lange habe ich hier gestanden und war gedanklich ganz woanders? 

„Hey, Erde an …“ Ihm fällt auf, dass er meinen Namen nicht kennt, und er lacht leise auf.

Aus irgendeinem Grund gefällt es mir, ihn hängen zu lassen. Schließlich hat er mir an der Bar gezeigt, dass er sich Namen von Frauen nicht merkt. Ich bin anders als die Frauen, die vermutlich nicht abwarten können, bis er ihnen seine Gunst schenkt. Als ich nicht reagiere, kneift er die Augen zusammen.

Ich knicke ein. Außerdem würde mich Bronson killen, sollte er davon erfahren. Ich lege die Finger unter das Namenschild, das in einer Stofffalte liegt, und hebe es an.

Er beugt sich herab und liest. „Grace.“ 

Holy Moly.Es hörte sich an, als wäre mein Name der Titel einer seiner Songs, den er ins Mikro haucht. Wenn das mit dem Countrystar nicht klappt, könnte er bei einer Sex-Hotline Karriere machen. Oder die saftigen Liebesromane einsprechen, die Ally immer bei der Hausarbeit hört. Klar, dass seine rassige Freundin sabbert.

„Bringst du mir noch eins?“ Er mustert mich freundlich.

Wenn ich ihn so ansehe, kann ich ihn immer weniger mit dem düsteren Rächer von heute Vormittag in Einklang bringen. Ich nehme das leere Glas und nicke. Andere Gäste bestellen, und schon bin ich wieder voll dabei. 

„Warte!“, ruft mir jemand hinterher, als ich bereits auf halbem Weg zur Bar bin.

Es ist nicht besonders laut gewesen. Doch ich weiß sofort, dass es Tate ist. Die Härchen in meinem Nacken stellen sich auf. Ein merkwürdiges Gefühl, als hätte ich zu schnell heißen Tee getrunken, macht sich in meinem Magen breit. „Ja?“ Ich lecke meine Lippen und sehe ihn über die Schulter an.

Sein intensiver grüner Blick liegt auf mir. Er hat den Arm um seine schöne Begleitung gelegt, die mit einer Hand über seine Brust fährt. „Mach noch einen Shirley Temple dazu.“

 

​FOLLOW ME

  • Instagram Social Icon
  • Facebook Classic
  • Twitter Classic

© 2016 by Ava Lennart.  - Impressum - Proudly created with Wix.com